Der Corona-Blog

Die Münchner Schriftstellerin Lena Gorelik schreibt einen Blog fürs PATHOS mit ihren Gedanken zur Situation. Sie verfolgen den Corona-Blog? Lena Gorelik freut sich über Rückmeldungen, Anregungen und Gedanken zu Ihrem persönlichen, neuen Alltag. Melden Sie sich bei ihr unter blog@pathosmuenchen.de

08.05.2020 – Heute gibt es den letzten Blogeintrag zu lesen. Am nächsten Mittwoch wird Lena Gorelik in der Zoom-Veranstaltung Das holen wir nach aus ihrem Blog vorlesen und die Alltagsbetrachtung mit einem Autorinnengespräch abschliessen.

 

Letzter Tag / Freitag

Morgen ist der Zug, an dem ich wieder einen Zug besteige, das erste Mal seit, ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Am Montag ist der Tag, an dem manche Kinder wieder in die Schulen dürfen, aber nicht alle; die, die hier gerade, während ich schreibe, im selben Zimmer spielen, jedenfalls nicht. Am Montag ist der Tag, an dem die Zoos und die Museen öffnen, aber ich habe nicht die Zeit, in einer der beiden Einrichtungen zu gehen. Irgendwann ist wieder der Tag, an dem Nachrichten, wie die, dass in Waldkraiburg Döner-Läden aus, wie die Polizei vermutet, rechtsterroristischen Gründen in Brand gesteckt werden, wieder Aufmerksamkeit bekommen.

Am Montag ist der Tag, an dem ich wieder ein Theater betreten werden, an dem geprobt, gesponnen, vermutlich gestritten und gemeinsam gearbeitet wird. Wir werden Masken tragen, wir werden uns sehen, ich werde aufgeregt sein. Am Montag ist der Tag, an dem vermutlich Städte und Ortschaften die von der Bundesregierung auferlegte Neuinfektionen-Obergrenze überschreiten werden. Jeder Tag ist der Tag, an dem wir in den Nachrichten lesen, welche Menschen, Unternehmen, Gruppierungen, Branchen, Länder unter der Pandemie zu leiden haben. Heute ist der Tag, an dem ich Falafel essen werde, ich werde sie in Tahina tunken, und ich bereue bereits, gerade Kuchen verdrückt zu haben.

Irgendwann wird ein Tag kommen, an dem wir sagen werden, weißt Du, damals noch, Corona. Gestern war der Tag, an dem eine Fünfjährige so selbstverständlich sagte: „also das war noch vor der Corona-Zeit“. Wir werden uns erinnern, und unsere Kinder werden uns erinnern, und ich frage mich, woran wir erinnern werden. Was werden die Kinder sich gegenseitig erzählen, von genervten Eltern, von Zoom-Konferenzen, von Langeweile, von Ruhe. Was werden wir uns erzählen, und wann werden wir das. Wann wird die Corona-Zeit eine Erinnerung sein, wann wird sie nicht mehr das Heute beherrschen. Es gibt keine Antworten auf so viele Fragen. Heute ist der Tag, an dem ich zum letzten Mal diesen Blog schreibe.

Am kommenden Mittwoch, am 13. Mai, um 19 Uhr, ist der Tag, an dem ich in einer Zoom-Veranstaltung – meiner ersten – das erste Mal aus diesem Blog lesen und Fragen beantworten werde. Das wird beinahe oder vielleicht eine richtige Lesung sein. – 08.05.2020

 

Tag 49 / Sonntag

Halsweh ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Ich meine, früher hatte ich Halsweh, einfach so. Das nervte, aber war weniger schlimm als eine Nebenhöhlenentzüdung, mit der ich sonst häufig zu kämpfen habe, und von den Halslutschbonbons mochte ich nur die für Kinder, die mit Kirsch-Geschmack. Heute könnte Halsweh, es hat sich ein Konjunktiv angelacht. Es könnte sein, zumindest fühle ich mich verpflichtet, diejenigen, die ich sehe, darüber zu informieren, dass ich heute mit Halsschmerzen aufgewacht bin in dieser sonderbaren neuen Welt.

Ab Morgen darf man wieder zum Friseur, darüber schreiben viele, und auch über Fussball schreibt man viel. Die Zahlen für Deutschland sind auffällig gut. Kein großer Anstieg von Neuninfektionen, und auch der Reproduktionsfaktor bleibt unter eins, da freut man sich, da neigt man schnell dazu, alles und alle um sich herum zu vergessen. Aufgrund des geminderten Flugverkehrs werden zu wenige Medikamente und Impfstoffe in Entwicklungsländer geliefert, da drohen Ausbrüche noch ganz anderer Epidemien. In Moskau steigen die Zahlen der Corona-Neufinizierten und Todesfälle rasant an, dem medizinischen System droht der Zusammenbruch, aber Moskau ist drei Flugstunden weit entfernt. Die Pandemie hat die Welt vor ein Problem gestellt, das auf den ersten Blick überall gleich auszusehen meinte, obwohl die Bekämpfungsmittel eben überall unterschiedliche sind. Es ist erstaunlich, wie eng der Blick der Menschen ist, als wären wir Hunde, drehten uns nur um die eigne Achse. Bei uns geben die Zahlen Grund zur Hoffnung.

Jemand schreibt mir, dass mein Blog so traurig klingt, ich zucke zusammen, lese das Wort noch einmal, halte inne. Traurig, ich hätte das nicht gesagt und nicht gedacht, nachdenklich bestimmt, mit einem Blick, den zu weiten ich mich selbst ermahne. Fühle mich auch nicht so, traurig; aber sehr konzentriert. Es fühlt sich falsch an, von einer weltweiten Pandemie zu sprechen, aber in der Beobachtung, der Wahrnehmung bei der eignen Welt zu bleiben. Die eigene Welt: Ich freue mich an den kleinen Dingen, aber nicht, weil ich mir vornehme, mich zu freuen. An den Wochenenden puzzle ich, das habe ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr getan. Früher, mit meinem Vater, stunden-, tagelang. Wir benutzten den großen Tisch im Wohnzimmer dafür, und meine Mutter schimpfte, ich meine, liebevoll, vor sich hin: Wie lange wollt Ihr Eure Teilchen noch hier rum liegen lassen, wie kann man nur seine Zeit damit verschwenden? Danach sehne ich mich: Mit meinem Vater die Zeit beim Puzzeln zu verschwenden, arbeitsam und schweigsam. -03.05.2020

 

Tag 46 / Donnerstag

Am Anstrengendsten ist die Monotonie der Erschöpfung. Diese Tage, die ineinander übergehen, ohne die Farbe zu wechseln; ich mag noch nicht einmal mehr aufzählen, woraus so ein Tag besteht. Die Mittwoche sind aufregend: Da ist meine wöchentliche Therapiestunde. Da muss ich um eine bestimmte Uhrzeit aus dem Haus. Da habe ich eine Adresse, an der ich sein muss, ich fahre manchmal Fahrrad und manchmal U-Bahn, ich treffe jede Woche diese große Entscheidung. Alles andere gerät an diesem Tag durcheinander, die Frage, wann wir frühstücken, und wann wir zu Mittag essen, und die Arbeit hinkt noch mehr hinterher als sonst, aber ich genieße jeden Moment dieses Durcheinander-Geratens. Diese Woche regnete es, ich nahm die U-Bahn. Ich trug eine Maske, die blaue mit den Blumen. Ich schaue mir die Masken der anderen genau an, es gibt da sicher Trends und Moden. Es gab nur einen Mann, der keine Maske trug, und ich konnte nicht aufhören, mich zu fragen, ob er rebellierte, oder ob er seine einfach zuhause vergessen hatte. Vielleicht bereute er das Vergessen ja die ganze Fahrt lang, dachte ich. Es sind nicht viele Menschen in der U-Bahn. Nächsten Montag wollen wir bestellte Bücher im Buchladen abholen, das ist mein nächster Termin.

Die Online-Seminare laufen auf Hochtouren, die Anfrage für das nächste kommt. Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht zu sagen, wollen wir nicht warten, bis… Das „bis“ hat kein Datum, also lieber so als gar nicht; ich kann es nicht erwarten, wieder Menschen vor mir in einem Raum zu sehen. Heute gelesen, dass eine neue Studie zeige, dass Kinder ebenso dazu prädestiniert seien, das Virus zu übertragen wie Erwachsene, was wenig überrascht. Die Logik, Spielplätze zu öffnen, verstehe ich nicht, als ob sich Kinder da mehr an Abstand halten als in Kindergärten, aber die Sehnsucht danach fühle ich in groß. Manche Tage sind okay, andere schlechter, eines Morgens schreibt mir ein Freund, er habe heute schon geweint, er könne nicht mehr, die Anspannung der Kinder, die eigene, die Arbeit, die immer im Hintergrund drängt, und das ewige Gefühl, all den Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Er schreibt, er habe heute morgen schon geweint, dabei ist es noch Morgen, als ich die Nachricht bekomme. Die Morgen, sie sind lang in diesen Tagen, und die Tage ziehen sich in Wochenlängen. Man würde sich so gerne auf etwas freuen, auf etwas, das demnächst geschieht.

Die Kaffeekapseln kamen einen Tag nach ihrer Bestellung, auf die hatte ich mich gefreut. Es kam am selben Tag ein anderes Paket, mit selbst gehäkelten Krafttieren für die Kinder. Für mich war auch eines dabei, ein kleiner Koala. Er sitzt vor mir, während ich diesen Text schreibe, ich denke, ich nehme ihn in den nächsten Urlaub mit. Ich freue mich, wenn der Koala – er hat noch keinen Namen – und ich gemeinsam auf die erste Reise gehen. – 30.04.2020

 

Tag 44 / Dienstag

Neue Begriffe, die umher schwirren, aber vielleicht sind sie ja gar nicht mehr so neu. Wie schnell sie sich einnisten, es bequem machen, wie so Coole, die neu in die Klasse kommen, aber ein paar Tage später weiß niemand mehr, dass sie die Neuen sind, weil alle sich um sie scharen. Zu denen gehörte ich nie. Massentests, Reproduktionszahl, solche Worte. Bei anderen Begriffen und Sätzen tue ich mich schwerer, stolpere über sie, weigere mich, mich an ihre Existenz zu gewöhnen. Neuer Alltag: Das Neue soll kein Alltag sein. Ich wehre mich gegen den Begriff, obwohl es so ist: Es ist alles alltäglich geworden. Die Kinder, die am Küchentisch anstatt in der Schule lernen. Die Videokonferenzen, die ich versuche, klug über die Woche zu verteilen, aber es gibt kein Klug. Jeden Tag eine bringt den Tag durcheinander, zieht zu viel Aufmerksamkeit voran gehender Stunden. Alle auf einen Tag legen, schaffe ich nicht. Die Tatsache, dass es nicht viele Gründe gibt, aus dem Haus zu gehen. So ist es, Tag für Tag, aber ich weigere mich, das Alltag zu nennen.

Wenn das alles vorbei ist, auch so eine Wortansammlung ohne Sinn. Die Kinder sagen das, manchmal die Nachbarn, manchmal die Menschen, die ich am Telefon spreche. Ich stolpere, aber sage nichts, wie ein Kind, das nicht weinen will, obwohl es sich gestoßen hat. Das alles vorbei: Wann soll das sein, und wie? Was heißt vorbei? Was heißt das, sie meinen doch nicht etwas das Virus. Das Virus bringt nämlich eine Menge anderer Probleme mit. Wenn ein Impfstoff gefunden ist, dann geht es immer noch um seine Produktion, um eine Verteilung, von der man leider nicht davon ausgehen kann, dass sie in irgendeiner Form gerecht sein wird. Wenn der Impfstoff verteilt ist, dann sind da immer noch all die Folgeschäden, Menschen ohne Job, aber möglicherweise mit Hass, verunsicherte, ihren sozialen Zusammenhängen über Monate entrissene Kinder, Bildungs- und Versorgungsgräben, die aufgerissen worden sind. Kultureinrichtungen, die keine Kultur mehr schaffen durften, Kultureinrichtungen ohne Finanzierung. Eine zusammen gebrochene Wirtschaft, erschütterte Demokratien, Erschöpfung im Individuellen und Großen, die Liste ließe sich fortschreiben; ich lasse es sein. Wenn das alles vorbei ist, dieser kindliche Satz, den Erwachsene so daher sagen, und ich schweige, ich weiß gar nicht, warum. Möglicherweise ist das der Erschöpfung zum Opfer gefallen.

Auf der positiven Seite habe ich gestern einen Buchladen betreten. Den Buchhändler*innen wäre ich am Liebsten um den Hals gefallen, ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen mit mir genauso ging. Es ist nicht, dass ich keine Bücher bestellt hätte, in den vergangenen Wochen, es geht um das Betreten an sich. Betreten, begrüßen, bestaunen, ein Buch in den Händen halten. Jemanden ansprechen, lächeln, obwohl das Lächeln hinter der Maske vermutlich niemand sieht. Irgendwo außerhalb der eigenen Wände sein, der ewig selben Draußen-Plätze. Ein Stück Leben leben.

 

Tag 42 / Sonntag

Gestern raus gefahren, zum Wandern. Ich wandere nicht gerne, ich verstehe den Sinn nicht von: Geradeaus gehen. Oder hoch, von mir aus, oder runter. Die Aussicht, ich weiß, ich weiß, die Berge. Die genieße ich, aber der Genuß hält sich nicht über Stunden. Hält sich nicht über Wurzeln, über die man stolpern könnte, über die Hitze im Nacken, über die vielen Schritte, die Höhenmeter, überhaupt dieses Wort. Jedenfalls gestern raus gefahren, zum Wandern. Nicht weit, noch nicht mal bis in die Voralpen gekommen. Das Verlassen des Stadtgebiets fühlt sich bereits wie eine Grenzüberschreitung an, auch im rechtlichen Sinne. In der Stadt fällt mir die Decke auf den Kopf, auch außerhalb der Wohnung. Ich weiß nicht, ist es der Himmel, der drückt. Noch nie, seit ich in München lebe, war ich so lange hier am Stück. Noch nie, seit ich die Schule beendet habe, war ich in irgendeiner Stadt so lange am Stück, ohne an den Bahnhof, zum Flughafen zu eilen. Ich kann die Bäume des Englischen Gartens nicht mehr sehen, sie engen das Denken ein.

(Meine privilegierten Probleme. In Moira schmeißen sie den Geflüchteten Corissants in die Menge, die Menschen drängeln, werden aneinander gedrückt, strecken die Hände empor, um ein Stück des Gebäcks zu ergattern: Ein weiterer Moment, in dem die Menschenwürde in dieser Menge untergeht, während wir uns mit Masken brav an Social Distancing halten. Oder dies auch nicht tun, aber immer noch als freie Entscheidung.)

Jedenfalls raus gefahren. Die Autobahn so leer, wie noch nie an einem sonnigen Sonntag. Löwenzahnwiesen und alle Grüns dieser Welt: Wenn ich die sehe, möchte ich sofort einen Malkasten haben. Einen mit nur Grüns. Es fühlt sich wie Urlaub an, dieses An-einem-Ort-Sein, der nicht der meine ist. Wir verlaufen uns bei der Wanderung natürlich, machen nach fünfzehn Minuten die erste Vesperpause, die vermutlich länger dauert als die Wanderung selbst. Ich kann nicht aufhören, von einer Pension zu träumen. Irgendwo hier, zwanzig Kilometer von München entfernt, und ich, die ich bei Hotelzimmern und -betten so pingelig bin, dass ich mich dafür schäme, dass ich immer das mehrjährige Schlafen und Leben in der Flüchtlingsunterkunft anführen muss, um meine Pingeligkeit zu entschuldigen, träume von einem alten, verstaubten Pensiosnzimmer mit Biberbettwäsche, die aus den Achtzigern stammt. Und einem alten, dickbäuchigen Fernseher, in dem ich, von mir aus, den verhassten Tatort gucke.

Die Rückfahrt ist eine Reise durch Verbote: Wenn man nach München rein fährt, erblickt man als Erstes dieses Riesenrad, mit dem ich noch nie gefahren bin. Die Kinder haben gebettelt, ich habe sie an den Papa verwiesen, meine Freundin hatte mich einmal gefragt, ich hatte in einem Ein-Wort-Satz geantwortet: Höhenangst. Die verwirrende Sehnsucht, Riesenrad zu fahren, eine Krisennebenwirkung. Die Stadt wird zu einer Landkarte von Perfekt-Zeitformen: Hier ist das Schwimmbad, in das ich mit den Kindern gehe, ach so, nein, gegangen sind. Hier haben wir gerne thailändisch gegessen. In dieser Kneipe habe ich immer eine Freundin auf ein Bier getroffen. Als ich die Wohnung wieder betrete, spüre ich leichten Hass, für den die Wohnung am Wenigsten etwas kann. – 26.04.2020

 

Tag 39 / Donnerstag

Menschenleer: Was nach einer Bedrohung klingt. Früher – früher, sage ich schon, als wäre ich Jahrzehnte älter, als handle es sich nicht um ein paar Wochen, die ich hier meine, als könnten wir nicht immer noch in Tagen zählen -, hat man danach gesucht, nach menschenleer. Hat von menschenleeren Stränden geträumt, von Tagen, an denen man niemandem begegnet. Keinen Lärm, keine Stimmen, die Träume haben sich auch gewandelt, nicht nur das Leben. In der U-Bahn angerempelt zu werden: Ein Paradies. Ein überfüllter Zug, das Drängeln auf der Rolltreppe auf dem Weg zum Bahnhof. Ein Freibad, in dem das Stimmengewirr ein durchgehender Ton ist, ich sehne mich nach dem „Oh Mann“ im Satz: „Oh Mann, ich kann hier gar nicht in Ruhe lesen“.

Gestern das erste Online-Schreibseminar gegeben. Videobilder von Menschen, die ich zum großen Teil nicht kenne, ich kann in ihre Wohnzimmer blicken, sehe Bücherregale, eine Flasche Bier, eine Teetasse, sehe Fensterrahmen und einen Tisch, der im Hintergrund steht. Sehe Gesichter, höre Stimmen, spüre die Menschen nicht, spüre keinen gemeinsamen Raum. Einmal gibt es eine Rückkoppelung, ein anderes Mal funktioniert das Mikro einer Teilnehmerin nicht. Wir geben uns alle außerordentlich Mühe, wir haben Regeln aufgestellt. Wer nicht spricht, schaltet das Mikro aus, und bei den Schreibübungen biete ich an, auch die Kamera auszuschalten. Drei lassen sie an, ich weiß nicht, ob sie das absichtlich tun, oder es einfach vergessen, so sehe ich ihnen beim Schreiben zu. Ich vermisse mein allerliebstes Geräusch: Wenn Stille entsteht, wenn Stifte Buchstaben ins Papier kratzen. Vermisse die erstaunten Blicke, wenn ich sage, die Schreibzeit sei jetzt um. Wenn Sie vielleicht alle zurück kommen, sage ich, ich meine zurück zu Ihrem eigenen Computer. Wir haben keinen gemeinsamen Ort, kein Zu. Ich vermisse die Tische im Literaturhaus, die Pause, in der alle aufstehen, sich durch den Raum bewegen, das Lächeln, wenn man sich im Flur auf dem Weg zur Toilette begegnet. Wir geben uns alle außerordentlich Mühe, uns an die Regeln zu halten, am sonderbarsten ist vielleicht der Abschied, wie alle hilflos winken. Wie kleine Kinder am Fenster, ich falle anschließend wie erschlagen ins Bett. Ich habe mehr als je in einem Seminar zuvor gesprochen, weil es so wenig gemeinsame Kommunikation geben kann, ich höre mir selbst zu, wie ich doziere, was ich nicht will, was ich nicht kann. Als mich am nächsten Morgen eine E-Mail erreicht, ob es von mir aus bei der geplanten Lesung am 1. Oktober bliebe, spreche das „Ja“, das ich in den Computer tippe, laut mit, spreche es laut aus. Ja.

Ich erwische mich, obwohl mich alle Lockerungen im Hinblick auf eine zweite Welle sorgen, obwohl ich Laschets Alleingänge und den achtlosen Stimmenwahlfang kaum ertrage, immer wieder beim Träumen. Eine Hotellobby, ein Frühstück, sich anstellen für ein personalisiertes Rührei. Ja. Ja. Ja. – 23.04.2020

 

Tag 37 / Dienstag

Ich schreibe im Innenhof auf einem Gartenstuhl ohne Lehne. Ich bin raus gegangen, das fühlt sich beinahe wie ein Ausflug an: Sich in den Innenhof auf einen unbequemen Stuhl ohne Lehne setzen, um diesen Text zu schreiben, der Wind in den Nacken, der Wind pfeifend, streichelnd, der Wind im Gesicht. Vorgestern einen tatsächlichen Ausflug gewagt: Hinaus aus der Stadt gefahren. Die Kinder sagten Wanderung zu diesem kleinen Spaziergang, und ich ließ ihnen die Illusion, die vermutlich für lange Zeit alle Reisen ersetzen wird. Einer ging mit den Füßen ins kalte Seewasser, der andere wurde von einer Bremse gestochen, sie schleppten sehr viele Stöcke zum Auto zurück. Die Stöcke werden im Innenhof gelagert, die Tourismusbranche jammert laut auf, und Politiker (in dem Fall: alle männlich, also lasse ich das Nomen im Maskulinum stehen) warnen, der Sommer wird kein Sommer im Sinne von Urlaub sein. Ich schickte einem Freund Bilder unseres Ausflugs, den wir auch Reise hätten nennen können, obwohl wir höchstens eine Dreiviertelstunde im Auto saßen; er schrieb zurück: Dass Ihr Euch mit Münchner Kennzeichen aus der Stadt traut. Ach stimmt, ich hatte tatsächlich vergessen.

An der Isar vorbei geradelt, da sitzen Menschen in größeren Gruppen, und da, wo sie keine Gruppen mit Absicht bilden, da sind sie eine Gruppe, weil sie zu viele sind: Zu nah aneinander, zu viele, die das Ufer fassen könnte. Die Polizei beklagt sich, ich denke, große Menschen sind wie kleine Kinder, meine Mutter sagte über uns: Wenn man Euch nur den kleinen Finger gibt. Ein paar Ministerpräsidenten geben auch mehr als nur den kleinen Finger. Die WHO warnt, es scheint ständig jemand zu warnen, am Ende werden wir wissen, ob das Virus die letzte Warnung ausspricht. Wie sagen Eltern zu ihre Kindern: Ich sag es dir jetzt zum letzten Mal! In Griechenland bricht Corona in einem Flüchtlingsauffanglager aus, ich weiß nicht, wie viele bei dieser Nachricht weiter scrollen, wie ich das tue, wenn ich von Fussball lese. Geisterspiele, diese riesengroßen Fragen einer Nation.

Gestern Abend bei Twitter den Hashtag #CoronaEltern eingegeben. Es gibt keine lustigen Geschichten mehr über das HomeOffice, wie sie in der ersten schul- und kitagesperrten Wochen gesammelt wurden. Über Kinder, die nackt, verschmiert, verkleidet, verzweifelt, verdattert in Videokomnferenzen platzen. Es scheint nichts mehr lustig zu sein. #CoronaEltern, die in 160 Zeichen Verzweiflung, Tränen, Wut zu pressen versuchen, sie arbeiten, wenn die Kinder noch oder endlich schlafen, und weinen tun sie, wenn sie alleine im Supermarkt sind. Das Wort „brüllen“ kam auffällig häufig vor, und der Satz „ich kann nicht mehr“. Acht und zehn Jahre alt, sie kommen mir plötzlich so groß vor, meine beiden, weil sie sich selbst beschäftigen können, weil sie Zusammenhänge verstehen, weil sie mich wenig brauchen, um ihnen durch den Tag zu helfen. Vielleicht, so heißt es, werden die Notbetreuungen nächste Woche für Alleinerziehende, die arbeiten müssen, geöffnet; vielleicht. Das ist ein Wort aus zehn Buchstaben, und nächste Woche kann verdammt weit weg sein, wenn man alleine, arbeitend, zuhause mit kleinen Kindern steckt. – 21.04.2020

 

Tag 35 / Sonntag

Ich habe neben all den anderen Sehnsüchten, denen nach anderen Menschen, eine neue entwickelt. Sie tauchte am Sonntagmorgen auf, ich weiß gar nicht, woher, sie war plötzlich da. Ich sehne mich nach Lesereisen, ich sehne mich nach schlechten Hotels. Sehne mich nach all dem, was ich verflucht habe, sehne mich laut, es war nur eine Frage der Zeit. Man vermisst ja, wenn eine Beziehung vorbei ist, ja auch all die kleinen Unsäglichkeiten des*der anderen, die einen endlos nervten. Ich jedenfalls sehne mich nach verspäteten Zügen, nach schlecht riechenden Regionalexpressen, nach dieser Einsamkeit, die mich in mittelgroßen deutschen Städten bereits am Bahnhof überfällt: Alles sieht gleich aus, am Marktplatz die Marktapotheke, die Eisdiele, die unbedingt Bella Italia heißt. Ich sehne mich nach den lieblosen Hotelzimmern, in denen ich mich ein wenig vor dem Bett ekele, nach den Badezimmerkacheln aus den Achtziger Jahren. Sehne mich nach der Erschöpfung, die mich nach Lesungen befehlt, alles von mir gegeben zu haben, es wäre so schön, wieder eine andere Art von Erschöpfung zu spüren.

Ich hasse laufen, sage ich zu meiner Mutter, während ich ebendies tue, laufen, ich spreche keuchend in Kopfhörer hinein. Dann geh doch Fahrrad fahren, schlägt sie vor. Ich schüttle den Kopf, sie kann das nicht sehen. Das macht nichts, dass sie das nicht sehen kann, ich schüttle den Kopf eh für mich, um das, was sich anfühlt, zu bestätigen. Ich mag nicht Fahrrad fahren, um Fahrrad zu fahren, ich mag Fahrrad fahren wohin. Ich möchte zu jemandem fahren, zu einem Termin, ich möchte einen Grund haben, ein Ziel. Ich möchte das Haus verlassen, um irgendwo anzukommen. Das Irgendwo darf kein Supermarkt sein. Ich möchte auf die Uhr blicken, wenn ich an der Ampel halte, ich möchte denken, hoffentlich bin ich nicht zu spät.

Meine Mutter erzählt mir von meiner Tante und meinem Onkel in New Jersey, sie leben eine Busstunde von New York entfernt, aber meine russisch-jüdische Verwandtschaft benennt das anders, weshalb ich frage: Wie geht es denn der Tante in New York? Was ist denn schon eine Busstunde, was sind denn Staatsgrenzen, wie großartig die Busfahrt durch diese Vororte, die müden Pendler*innen, das Fehlen der Bürgersteige, das rhythmuslose Buswackeln durch das amerikanische Leben, ich lese nicht, blicke auch im Dunkeln nur aus dem Fenster. An der Bushaltestelle warten sie auf mich, meine besorgte Tante, mein kleiner Onkel, der feinste aller Menschen. Sie haben Angst, sagt meine Mutter, haben Angst, auf die Straße zu gehen. Sie sind alt, mein Onkel lungenkrank, seit ich denken kann, vielleicht schon immer, ich habe nie gefragt, seit wann. Ihre Tochter lebt in Kanada, der Sohn sechs Flugstunden weit weg. Mit der kleinen Enkelin skypen sie, erzählt meine Mutter, und wenn sie auflegen, weinen sie; sie sagen, sie wissen nicht, ob sie sie wiedersehen. Sie hatten einen Flug im März gebucht, den haben sie umgebucht auf den Juli, jetzt wissen sie nicht, sollen sie gänzlich stornieren. Ja, sagt meine Tante, dann bekommen wir einen Teil des Geldes zurück. Nein, sagt mein Onkel, ich kann ihn nicht, diesen Gedanken ertragen, dass ich sie nicht wieder sehe, die kleine M. Meine Mutter sagt, sie hatte keinen guten Abend nach diesem Telefonat, sie dachte an ihre eigenen Enkelkinder.

Morgen öffnen die Baumärkte, sagte ich das schon. Wir kehren langsam ins Leben zurück, können jetzt Schrauben kaufen und Waschbecken auch. Ich habe viele aufgehängte Bilder, ich habe ein Stück Eiserner Vorhang zuhause, das gehört auch noch aufgehängt. Wir kehren langsam ins Leben zurück: Ich werde hier vielleicht nur noch zweitägig schreiben. – 19.04.2020

 

Tag 33 / Freitag

Heute kurz eine Telefonkonferenz verpasst, weil ich nicht mehr den Wochentag wusste. Sie sind so gleich, diese Tage, die Mittwoche sehen wie Freitage aus, und die Sonntage sind von den Montagen nicht zu unterscheiden. Ein altes Freiberufler*innen-Problem: Was ist ein Feierabend, und wo kann man das haben? Es wird dieser Tage verschlimmert, weil ja auch die anderen, die um einen herum, die Kinder, die Menschen mit „echten“ Jobs einem keinen Rahmen geben, weil sie Worte wie Wochenende auch nicht mehr verwenden. Vielleicht tun sie es doch, fällt mir ein, vielleicht habe ich nur weniger Kontakt zu den Menschen. Zu Menschen im Allgemeinen, nicht zu jenen mit einem „echten“ Job. Heute eine Mail geschrieben, lange über deren Inhalt nachgedacht. Kurz nur über Worte und deren Wirkung nachdenken, sonst über nichts. Gut, früher ging das einem so mit Romanen, aber lassen wir Luxusgedanken beiseite.

Heute mit meinem Vater telefoniert, meine Mutter war, glaube ich, spazieren. Sonst ist sie die Erste, die ans Telefon geht. Mein Vater wird in zwei Monaten 80, er hat ein krankes Herz. Er hofft, sagte er, er hofft, dass ich nicht panisch bin, und nicht ängstlich, er hofft auf einen positiven Geist seiner Tochter. Früher, im Krieg, sagte mein Vater, der den Zweiten Weltkrieg als Neugeborener, als Kleinkind während der Blockade in Leningrad überlebte, da war alles noch schlimmer, es geht uns doch, wir lebten doch, sagte mein Vater, immer noch im Paradies. Auf meine Frage, wie es ihm ginge, antwortete er, er fühle sich wie eine frische Gurke. Nicht wie eine Tomate, fragte ich. Nein, die sei doch rot. Komisch, ich fühle mich selten wie ein Gemüse.

Manche sagen, wir sollten uns an eine neue Normalität gewöhnen, und andere widersprechen, dass es das doch nicht gäbe: Dass die Normalität per se alt sein muss. Andere warten ungeduldig auf jene. Ich merke, wie plötzlich Gefühle groß scheinen, die nicht corona-bedingt sind, Ärger, Enttäuschung, Sorge, Aufregung, Freude. Sie waren vorher schon da und wurden von Corona überdeckt, oder sie sind neu getriggert, jedenfalls sind sie sichtbar, fühlbar, lassen sich anfassen, drehen, beiseite legen, halten. Sie nehmen vorsichtig, aber nicht unsicher neben Corona Platz, vielleicht weil der Ausnahmezustand keine Ausnahme mehr ist. Da draußen scheint die Sonne, und ich sehne mich plötzlich danach, mit den Händen in der Erde zu graben. Irgendwas anpflanzen, umpflanzen, ein Garten, Dreck unter den Fingernägeln, von der Sonne verbrannter Nacken. Kurze Träume von Urlaub (irgendwo hier in Bayern, man will ja nicht zu anspruchsvoll werden) tauchen auf, ziehen weiter, aber sie waren immerhin, für ein paar Sekunden, da.

Übermorgen öffnen die Baumärkte, ich weiß gar nicht, warum. Ich zum Beispiel wüsste nicht, was ich bauen sollte. – 17.04.2020

 

Tag 31 / Mittwoch

Wenn die Kinder nicht da sind, gehe ich joggen, ich jogge wie andere durch den Park. Bin eine von denen, über die sich echte Sportler*innen lustig machen: Ich jogge sonst nicht, bin eine, die nur wegen Corona joggt. Ich komme sehr schnell aus der Puste, den Spaß, den andere beim Sport empfinden, verspüre ich nicht. Beim Laufen telefoniere ich mit meiner Mutter, ich höre lange am Stück zu, weil ich so aus der Puste bin. Sie läuft, während wir telefonieren, auch, sie läuft gerade einen Hang hoch. Einmal sind wir beide so außer Atem, dass keine von uns spricht; ich wundere mich über die Nähe, die dieser Tage durch das Telefon kriecht. Die Sehnsucht ist leise und beinahe kindlich: Wie, wenn man als Kind aus dem Ferienlager anrief. Wenn Freund*innen erzählen, dass sie ihre Eltern „unterm Balkon“ besuchen – das scheint das neueste Corona-Ding zu sein; es gibt ja jetzt Corona-Trends -, dass sie sich vor den Balkon der Eltern setzen, stellen, um Liebesworte oder Alltäglichkeit hinauf zu rufen, kriecht Neid hinauf. Meine Eltern wohnen für einen Balkonbesuch zu weit weg. Ich male mir einen solchen Besuch ein wenig aus, wie ich vor dem Fenster stünde, wie ich hinauf winken würde, wie ich rufen würde, ich weiß nicht, was, wie es mir vielleicht unangenehm wäre, dass die Nachbarn mich hören, wie meine Mutter mir vielleicht etwas herunter würfe, ich weiß gar nicht, was. Vermutlich etwas zu essen. Ich male ihn mir aus, diesen Balkonbesuch, weil er einfacher als eine Umarmung vorzustellen ist.

Sie wollen Geschäfte nächste Woche wieder aufmachen, sickert bereits am Vormittag des Mittwochs durch, des Mittwochs, an dem Entscheidungen getroffen werden. Geschäfte mit einer Ladenfläche von bis zu 800 qm, die ich mir vorzustellen versuche, ich habe keine Ahnung, wie viel 800 qm sind. Von Schulen hört man nichts, die bleiben vermutlich geschlossen. Davon, dass Arbeitstreffen vielleicht wieder möglich sein sollten, davon, dass ich vielleicht wieder jemandem beim Essen gegenüber sitze, der*die nicht zur Familie gehört, ist nicht die Rede, oder es sickert einfach nicht durch. Hinter dem Sickern stehen übrigens immer Menschen, es geschieht nicht einfach durch Zufall, nebenbei. Ich habe keine Antwort darauf, warum ich shoppen gehen sollte, jetzt, da ich weniger und manchmal kaum Geld verdiene, jetzt, da ich während der Arbeit auch Lehrerin spielen muss. Ich weiß nicht, ob ich zu einseitig, zu sehr im eigenen Umkreis denke, wenn ich mich frage, wer Umsatz in diese geöffneten Läden bringen soll. Ich versuche zu verstehen, verstehe dieser Tage nicht immer viel. Vielleicht geht es denjenigen, die diese Entscheidungen treffen, auch manchmal so. – 15.04.2020

 

Tag 30 / Dienstag

Wie sich die Menschen entzwei teilen, was sie wahrscheinlich schon immer taten, aber die Sichtbarkeit ist seit ein paar Wochen andere geworden. Man kann die Gräben sehen, man kann ihnen dabei zusehen, wie sie breiter werden. Das ist der Fall, weil gerade etwas geschieht, was in den vergangenen Jahrzehnten nicht war: Uns umgibt alle dasselbe Problem, es fängt mit C an, es wird nicht so schnell verschwinden. Es trifft marginalisierte Gruppen immer noch am Stärksten, und dennoch, es geht und schränkt uns alle ein. Es sind nicht mehr Einzelne betroffen, während andere distanziert zusehen können, womit sie einen objektiven Blick gepachtet zu haben meinen, als schauten sie von oben, nicht von gemütlichen Sitzplätzen aus zu. Es sprechen, fühlen, ärgern, sorgen sich alle, niemand kann sagen, mit mir hat Corona aber nichts zu tun.

Und so teilen sich die Menschen entzwei. Man sieht es im Kleinen, man sieht es im Großen. Man sah es am Klopapier, an Nudeln und Mehl auch, man sieht es an Spargelstechern, die dringend einreisen sollen, und an geflüchteten Kindern (ganzen 50!, die die Bundesrepublik aufzunehmen bereit ist), die zu holen nicht genug Zeit ist und nicht genug Kapazitäten sind. Man sieht es an den Reaktionen zum Leopoldina-Bericht: Es gibt jene, denen es nicht schnell genug gehen kann, Ja! Öffnet!, die das Wort „langsam“ übersehen, obwohl es überall steht. Es gibt jene, die bereits die Corona-Toten, die es in drei Wochen geben könnte, berechnen, sollten Lockerungen tatsächlich die morgen verkündete Maßnahme sein.

Ich bin heute U-Bahn gefahren, seit Tagen, vielleicht seit einer Woche wieder. Wieder mehr Menschen, und bei den ersten Stationen fast keine mit Masken. Ich las einen Artikel, blickte auf, vergass beinahe, was gerade ist. Corona. Es ist erst ein schönes, dann ein erschrecktes Vergessen, eines, für das ich mit Erinnerung zahlen muss.

Im Leopoldina-Bericht steht auch die Empfehlung – darauf sei Wert gelegt, es ist eine Empfehlung, die keine Handlungsanweisung ist -, dass Kita-Kinder bis auf den Notbetrieb bis zu den Sommerferien über zuhause bleiben sollen, bei den Eltern. Wie die Eltern bei den Kindern bleiben sollen, steht da nicht, wie sie die Arbeit bewältigen sollen, während sie ihre kleinen, dadurch eben betreuungsintensiven Kindern bei Laune halten und vom Auf-den-Schrank-Klettern abhalten sollen. Wie sie weiterhin den Lebensunterhalt verdienen sollen, wenn sie nicht im HomeOffice arbeiten können, weil es ihr Job nicht erlaubt. Die Verzweiflung, die in Eltern von kleinen Kindern ausbricht: Einer meiner ältesten Freunde ruft an, mit den Nerven am Ende.

Die Kinder haben heute die Nachricht bekommen, dass es morgen eine Videositzung mit ihrer Rotes-Kreuz-Jugendgruppe gibt, da sind sie nach eigener Aussage in die Luft gesprungen. So klangen sie auch, als erzählten sie das aus einer anderen, einer glücklicheren Luft. Sie machen das gut, in den letzten Wochen, sprechen offen darüber, ob und inwiefern sie Schule, Freund*innen vermissen, haben ihren eigenen Corona-Alltag gefunden, sie spielen viel, sind Kinder geblieben, denke ich. Wenn sie so in die Luft springen, weil sie morgen eine Videositzung mit der geliebten Jugendgruppe haben, kann ich eine zuvor nicht in Worte gefasste Sehnsucht sehen, kann ich plötzlich klar umrissen sehen, was fehlt, wogegen auch unsere „guten“ Gespräche nicht zu helfen wissen. – 14.04.2020

 

Tag 29 / Montag

Wir drehen uns in Kreisen, wir Menschen, immer schon. Ich weiß nicht, warum, vielleicht hat es etwas Beruhigendes immer an derselben Stelle anzukommen, vielleicht, weil der Mensch Altbekanntes sucht. Oder manche verharren einfach an derselben Stelle, während andere immer wieder dort ankommen, erstaunt feststellen: Der stand doch eben schon da. Manche Kreise sind groß, andere kleiner, gerade las ich eine Nachricht des BR, ein Schwabinger Arzt halte Corona für nicht gefährlicher als Influenza, wo haben sie den wieder ausgegraben. Dachte, in diesen Kreis müssen wir nicht wieder hinein. Gerade las ich von Jüd*innen, die zu hören bekommen, sie seien an Corona schuld, diese alte elendige Keule, die kriegt man niemals ausradiert. Wer alles Schuld hat an der Krankheit, es ließe sich eine lange Liste erstellen, es stünden Minderheiten aufgelistet, diejenigen, die sich in Gruppen packen und an den Rand stellen lassen, damit man besser mit dem Finger auf sie zeigen kann. sehr alte Kreise.

Meine Gedanken drehen sich auch im Kreis. Kann zum Beispiel nicht aufhören an all die Kinder und Jugendlichen zu denken, die seit fünf Wochen nun möglicherweise Gewalt erleben, die kein Mittagessen bekommen, auch kein Abendessen, die Angst haben müssen, wenn sich die Kinderzimmertür öffnet, und diejenigen, die kein Kinderzimmer haben, sie haben das Wort „Privatsphäre“ noch nie gehört. Ich kann nicht aufhören an all die Kinder und Jugendlichen zu denken, für die Schule und Hort nicht nur die Orte sind, an denen man Noten bekommt, gute und schlechte, an denen man Fussball und Uno spielt oder sich mit Freund*innen streitet, sondern Momente von Schutz sind, von Unversehrtheit. Alle reden von „Lockerungen“, ich habe es nicht eilig mit diesen. Ich habe Angst vor einer Voreiligkeit, ich habe Angst vor dem Erwachen danach. Ich habe Angst vor einem überforderten Gesundheitssystem, was wir unseren Ärzt*innen und Pfleger*innen antun könnten, all jenen, die jemanden im Krankenhaus wissen könnten, aber diesen Menschen nicht die Hand halten könnten, sie nicht begleiten dürften.

Es gibt für mögliche Lockerungen der Maßnahmen diverse Szenarien, von „stufenweise“ ist die Rede. Zeitversetzter Schulunterricht zum Beispiel, nur die Abschlussklassen, die in die Schulen dürfen. Über die Lehrer*innen, die zur Risikogruppe gehören, spricht man erstaunlich wenig, oder ich lese zu wenig davon.

Ich wünsche mir, dass die Schulen für all jene Kinder und Jugendlichen öffnen, für die der Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Fragen sexuellen Missbrauchs an Kindern eine Hilfewebsite errichtet hat, die einen Exit-Knopf beinhaltet: Für den Fall, dass jemand plötzlich das Zimmer betritt, während das Kind sich Hilfe zu holen versucht, klickt man schnell darauf, und die Seite verschwindet. Das muss man sich ausmalen, – oder man kann es nicht -, was für Ängste dahinter stecken, was sich in einem Kind türmen muss, wenn es das Wissen um diesen Knopf braucht, diese Absicherung gegen noch mehr Wut, Gewalt, die Einsamkeit, die Scham hinterher. Ich wünsche mir, dass die Schulen für all jene Jugendlichen öffnen, die keinen Computer zuhause hatten, um in den vergangenen Wochen lernen zu können, deren Eltern ihnen nicht alle Aufgaben ausgedruckt und nach farbigen Mappen sortiert haben, all jene Kinder, die dringend ein nahrhaftes Mittagessen aus der Schulkantine bräuchten. Ich wünsche mir, dass all jene Eltern entlastet werden, die krank, alleinerziehend, unter der Armutsgrenze versucht haben, Eltern zu sein. Ich weiß nicht, wie man das bewerkstelligt, wie man Stigmatisierungen verkleinert – entgehen wird man ihnen wohl nicht können. Ich wünsche mir eine Kommission aus Pädagog*innen, Bildungspolitiker*innen, Ethiker*innen, Sozialarbeiter*innen, die sich über diese Fragen Gedanken macht, die Maßnahmen findet, die mehr schafft als eine Website, die möglicherweise aus Angst kaum eine*r nutzt.

Wir kreisen alle, auch um die Frage, was kommenden Mittwoch passiert. Wenn sich die sinkenden Infektionszahlen halten, wenn Merkel sich mit den Ministerpräsident*innen bespricht. Wenn sie eine Entscheidung treffen; ich kreise auch, ich bekomme diesen Gedanken nicht los an all diese Kinder, die dann vielleicht weiterhin zuhause bleiben müssen. Die ihn brauchen, diesen verdammten Exit-Knopf. – 13.04.2020

 

Tag 28 / Sonntag

Osterwochenende, als wäre nichts. Als wäre nur Sonne, als wären Osterhasen tatsächlich mit kleinen Rucksäcken unterwegs, um Ostereier und Geschenke zu verstecken. Als gäbe es auf dieser Welt nur diese privilegierten Kinder, für die Eier versteckt werden, und manchmal sogar Geschenke, als gäbe es nur solche Fragen, wie die, wie der Osterzopf am Besten gelingt (ich backe keinen; ich backe eh aus Überzeugung nicht). Als stürben da draußen nicht Menschen an einem Virus, das wir bis vor ein paar Monaten noch nicht einmal kannten, als hielte das Virus uns nicht davon ab, bei und mit denen zu sein, die wir lieben, auch wenn diese Liebe manchmal schwierig ist, also vielleicht lieber so formuliert: mit denen, die zu uns gehören. Als wären wir nicht in unserer Bewegungs- und Lebensfreiheit eingeschränkt, als sorgten wir uns nicht: Manche von uns um die Liebsten, andere um die eigene Existenz, einige auch um das, was den eigenen Erlebenskreis verlässt, um all jene, um die sich zu wenige Sorgen machen. Als verstärke das Virus, mit allem, was er nach sich zieht, – notwendige medizinische Behandlung, Ausgangsbeschränkungen, finanzielle Existenzsorgen, Lebensgefahr – nicht all die Ungerechtigkeiten, die sich durch die Welt, aber auch durch unsere Gesellschaft, unsere Städte ziehen; Osterwochenende, als sei nichts.

Am Samstag ein Kartenspiel auf dem Balkon gespielt, Tisch beiseite geschoben, eine Decke ausgebreitet, um 14 Uhr die Frage, wäre jetzt nicht Zeit für ein alkoholisches Getränk. Ein Mix aus zerstampften Beeren, Saft, Wodka und handgecrushten Eis. Zwei von drei Partien gewonnen, dann wurde es langsam kühl. Danach erst einmal schlafen, nichts tun, und sich das immer wieder sagen: Ich tue jetzt nichts, dieses Faul-Gefühl, einmal sagt meine Freundin: Als ob wir im Urlaub wären, obwohl wir auf Gitterstäbe des Balkons starren. Zwischen den Gitterstäben ein frisch blühender Baum, der sich des Frühlings sicher ist. Die Pollen schwirren in meine Nase, sie läuft, eine so wundervoll ereignislose, simple Allergie. Um kurz vor acht Uhr abends wieder auf der Couch aufwachen, zur Fernbedienung greifen, Tagesschau: das ist wie ein Zug, der plötzlich pfeift, obwohl man noch am Dösen ist, und man hatte die Nähe der Gleise vergessen. Es schmerzt in den Ohren. Die Schwere, die sich sofort auf alles legt, als Umhang trägt sie ein schlechtes Gewissen. Dieser Tag, als sei nichts, dabei stapeln sie in New York weiße Särge in große Gräben. Sich nicht verabschieden, im letzten Moment nicht die Hand halten zu können, eine der schlimmsten Vorstellungen von allen. Ich schlafe furchtbar schlecht in dieser Nacht, und ich glaube nicht, dass ich die Schuld dafür dem Heuschnupfen alleine in die Schuhe schieben könnte.

Am Sonntag wieder: Als wäre nichts. Osterfrühstück, von den Kindern bemalte Eier, eines fällt herunter, dann weint ein Kind. Ich esse schnell, wie immer, dann sehe ich, wie immer, den anderen beim Essen zu. Ostereier suchen, ein paar lassen wir für ein kleines Mädchen von nebenan liegen und schauen ihm beim Freuen zu. Der Nachmittag, als wäre nichts, in Innenhof auf einer Decke liegen, da darf man ja noch. Kekse essen und Chips, ein Aperol Sprizz mit Eiswürfeln, ein Spiel, die Kinder bauen Cricket-Tore, spielen Kapitän, ich lese und denke nichts, die Zeit verstreicht herrlich langsam, sie hat heute genauso wenig Eile wie wir. Heute ist ein Tag, als wäre nichts, schreibt mir ein Freund, nachher grillten sie im Garten, ein Ostersonntag. Seit gestern aber ein leichtes schlechtes Gewissen, ein Wochenende, als wäre nichts, obwohl ich doch weiß, obwohl ich doch gestern schon wusste, obwohl ich doch immer weiß. Ich werde später wieder die Tagesschau schauen. Schaudern, hätte ich auch schreiben können. – 12.04.2020

 

Tag 27 / Samstag

Ostern also, das Fest mit den Hasen, den Eiern und der Kreuzigung Christi, eigentlich andersherum, also in umgekehrter Reihenfolge. Noch einmal von vorn: Ostern also, das Fest mit der Kreuzigung Christi, aber das kann man, finde ich, die Nicht-Christin, nicht so sagen in einem Satz: Es ist schwer für mich, einen Satz zu bilden, in dem Kreuzigung und Fest in Abhänigkgeit zueinander stehen. Die Hasen kamen erst später dazu, und beim Schreiben fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, woher die Hasen kommen, sind sie eine Erfindung der Schokoladenindustrie. Bei der Ostereiersuche habe ich die vorsichtige Vermutung, dass sie von den Jüd*innen und dem Pessach-Fest kommt: Bei uns wird immer ein halbes Stück Mazza versteckt, die Kinder müssen es dann suchen. Mazza ist dieses ungesäuerte Brot, knusprige Brotfladen, es schmeckt nach nichts, aber macht trotzdem süchtig, man knabbert das wie Chips so vor sich hin. Die Ostereiersuche: Ich vermute, aber mache mir nicht die Mühe nachzulesen, eine aufgemotzte und versüßte Version eines Pessach-Rituals. Als Kind gab es kein Ostern für mich, das waren so freie Tage, an denen hing ich, wenn das Wetter schön war, draußen rum. Später, als die Kinder kamen, lernte ich, Ostereier zu verstecken, und nahm im Patchworkfamilienkonstrukt, das sich über die Anzahl der Ostereier und die Größe der Geschenke uneinig war, die Vermittlerin-Rolle ein, ich selbst hatte keine Meinung, bis auf die: Streitet Euch nicht. Die Ostereier versteckten wir im Englischen Garten, anschließend oder davor gab es ein großes Frühstück, ich bereitete mit den Kindern ein Oster-Theaterstück vor, mein eigenes Ritual. Es kamen jedes Jahr Osterhasen darin vor und mehrmals Räuber, und die Erwachsenen klatschten wie angewiesen, und alle waren irgendwie beschäftigt. Dieses Jahr: Nichts davon. Es trifft mich, wie sehr es die anderen Familienmitglieder trifft. Es trifft mich, als ich an Karfreitag die Nachrichten schaue, all die Berichte, wie der Tag menschenlos in Jerusalem, im Vatikan begangen wird, in Kirchen huerzulande, der Beitrag nimmt ein Drittel der Tagesschau ein. Ein großes Fest für all die anderen Menschen, denke ich, da habe ich noch die Bilder der Kreuze vor Augen hängen, und ich denke, dass sich Einsamkeit an Festtagen mit sich selbst multipliziert. – 11.04.2020

 

Tag 26 / Freitag

Sprechen wir doch mal über Monotonie, sprechen wir doch mal über den Menschen als Gewohnheitstier. Spreche ich mal über mich, wie ich aufstehe, immer um dieselbe Zeit seit Corona, wie ich mich an den Schreibtisch setze, sofort, weil ich die Bedeutung dieser zwei Stunden kenne, die ich für mich habe, alleine, konzentriert. Sprechen wir darüber, wie, wenn wir, wenn die Kinder aufstehen, dieses Ritual erfunden haben, nein, sprechen wir genau darüber nicht, über die Rituale der Menschen. Die eine Hilfestellung seien, so sagt man, die Routine, die einem durch die Tage, durch schwere Phasen helfen sollen, ein Allheilmittel gegen das, was das Leben tatsächlich ist: Eine Ansammlung von Hindernissen und Tatsachen. Zwischen diese pressen wir unsere Rituale, quetschen sie in die feinen Rillen, um uns von einem zum anderen hangeln zu können. Um übersehen zu lernen. Wir richten uns ein, zwischen neue Begebenheiten stellen wir unsere Sitzmöbel auf. Trump hat schon wieder irgendein Stuss von sich gegeben, die Geflüchteten immer noch in die Lager gequetscht, in denen sich auch das Virus ausbreitet. Die Bundesregierung hat versprochen, einige wenige unbegleitete minderjährige Geflüchtete aufzunehmen, sie kam bislang noch nicht dazu. Sie kam sehr wohl dazu, einige Geflüchtete wieder abzuschieben, jeder setzt sich so seine Prioritäten.

Ich werde faul in diesen Tagen, nicht wirklich faul, weil die Tage so voll sind, ich rase durch alle Tage, deren Namen ich zwischendurch vergesse. Selbst auf die Ruhepausen, die schönen Augenblicke rase ich mit voller Wucht zu. Ich werde im Beobachten müde, ich schaue zu, lese Nachrichten, empöre mich wahrscheinlich zu wenig, lese: Wie die AfD die Geflüchteten für Corona verantwortlich macht, und sehr viele Menschen, unabhängig ihrer Parteizugehörigkeit, die Juden. Lese, wie Menschen, von denen andere meinen, dass sie aus Asien stammen, auf der Straße und in Supermärkten offen angefeindet wären, sie hätten das Virus hierher eingeschleppt. Lese das Schweigen um diese Szenen herum: Manchmal widerspricht einfach niemand. Lese, wie Franzos*innen an der saarländisch-französischen Grenzen mit faulen Eiern beworfen werden, lese von Hass. Lese auch das andere, lese die Solidarität, große Spendegesten, kleine Kreativitäten, um den Liebsten trotz der Kontaktverbote nahe zu sein. Lese, lese, lese, habe mich auch daran gewöhnt, dass ich nur noch Nachrichten lese, ich sage doch, dass ich ein Gewohnheitstier bin. Jemand empfehlt mir, Agatha Christie zu lesen, darauf könne man sich gut konzentrieren, ich ziehe ein Buch von ihr aus dem Regal, lege es unaufgeschlagen neben das Bett. Jemand fragt mich, ob ich am Roman weiter schreibe, kommt wie Hohn vor, diese Frage, in dieser Monotonie, in der ich niemals alleine bin. Sprechen wir doch mal über Monotonie, sprechen wir doch mal darüber, dass ich schon wieder am Blog schreibe. – 10.04.2020

 

Tag 25 / Donnerstag

Momente des Realisierens: Wie ein Glas, das herunter fällt und zerbricht. Und man denkt sich, ich mag jetzt nicht, Scherbe für Scherbe, aber man kann nicht einmal aufstampfen vor Wut, weil man sofort in das Glas treten würde. In den Nachrichten lese ich, was ich in dieser Form schon von anderen gehört und gelesen habe, dass nämlich Söder warnt, vor dem Herbst würden wir keinen Alltag haben. Es geht um das Oktoberfest, was mich nicht traurig macht, weil das eine Zeit ist, in der ich eh am Liebsten aus München verschwinden würde. Und dennoch: Die Worte sickern langsam, in einzelnen Tropfen. Die Grenzen werden im Oktober vielleicht noch geschlossen sein, wir werden vielleicht nicht reisen dürfen. Ich weigere mich, das Vielleicht durch ein Wahrscheinlich zu ersetzen. Die Worte liegen schwer wie Steine irgendwo hinten im Kopf.

Ich nehme den Roller, um zum Einkaufen zu fahren, es ist das erste Mal seit Montag, das ich das Haus bzw. den Innenhof verlasse. Wimmelnde Menschen, viele von ihnen mit Masken. Die Masken simpel weiß, bunt und ein Paar schwarze sehe ich auch, letztere meist bei jüngeren Menschen. Im Supermarkt die Abstände zum Warten abgeklebt, was absurd scheint, weil ich bei den Milchprodukten, bei den Tiefkühlprodukten mich von vielen umgeben wieder finde. Er hat eine beängstigende futuristische Ruhe, dieser neue Alltag, zwischen durch verdeckte Gesichter verbreitete Angst und der Selbstverständlichkeit, mit der das Leben fließt: Nörgelnde Kleinkinder in Kinderwägen, und die Frage, wo der Meerrettich zu finden ist.

Ostereinkäufe, ich kaufe für Pessach ein. Ich kaufe auch Osterhasen und Ostereier. Ich trage keine Maske. Die Einsamkeit wird dieser Tage an die Oberfläche geschwemmt: All jene, die jetzt vier Tage lang niemanden treffen, sehen. Ich befürchte, dass Einsamkeit bei Sonne besonders dunkel glänzt. Ich habe plötzlich diese unbändige Sehnsucht, Freund*innen zu drücken, menschliche Körper zu spüren, den Schweiß anderer zu riechen, Hände in Rücken zu krallen. Worte wie Steine, Wochen, Tage, die sich in die Länge ziehen, die Rebellion kommt durch den Bauch nach oben gekrochen, dicker Hals. Stapfen wollen. Mag nicht mehr. Will jetzt jemanden besuchen. Will an den See, will ins Kino, will irgendwohin. Will nie wieder durch den Englischen Garten joggen, will nie wieder Fahrrad fahren, wenn es nicht ist, um andere Menschen zu treffen. Um sie zu umarmen, um ihnen auf die Schulter zu klatschen, um ihnen zu sagen, gut, dass du da bist, dass wir wir sind.

Abends dann Passach, als wäre nichts. Wir bereiten den Seder-Teller vor, alle zusammen, quälen uns durch die lange Geschichte des Auszugs aus Ägypten, kürzen diese wie jedes Jahr ab. Lachen viel, essen noch mehr, die Kinder in Party-Stimmung, hüpfen herum, bleiben zu lange auf. Das Ritual wie ein langer Atemzug, die Ruhe, die die Vorbereitung erfordert, eine Fokussierung auf etwas, das nicht mit C anfängt. Beglückt ins Bett gehen, beinahe ruhig. – 09.06.2020

Tag 24 / Mittwoch

Gestern diese kurze, panische Angst verspürt, die, die jede Vernunft aussetzt. Mich schon währenddessen dafür geschämt. In der Mittagspause mit den Kindern ein Picknick gemacht, nicht im Park natürlich, das ist nicht erlaubt. Sandwichs zubereitet, Paprika, Gurken klein geschnippelt, als wäre ich eine von diesen guten Müttern, die die Kinder mit Vitaminen versorgt und ihnen beibringt, Gemüse zu schneiden, eine Decke auf den kleinen Grünstreifen im Innenhof gelegt. Der Innenhof ist meist leer, ich weiß gar nicht, warum; es ist nicht einer dieser Innenhöfe, in denen sich die Nachbar*innen zum Quatschen treffen. Seit C ist er das nicht: Da wird Gymnastik auf Isomatten betrieben, plötzlich engagierte Väter werfen ihren kaum geradeheraus laufenden Kleinkindern semibegeistert Bälle zu, Familien wie wir legen Picknickdecken aus. Die Sonne scheint, und wäre nicht der Ort, die Zeit, dann wäre es einfach nur ein Mittagessen. Es scheint, es sei schon eine Weile her, dass ein Mittagessen nur ein Mittagessen war. Ein paar Meter von uns lassen Zwillinge, niedlich, frech, voller Leben ihre ferngesteuerten Autos fahren.

Später, wir haben zu viele Sandwichs gegessen, packen die Kinder ein Quartettspiel aus, und einer der kleinen Zwillinge kommt dazu, fragt, ob er mitspielen dürfe. Wie sage ich, dass das nicht geht, ich sehe, wie sich die Jungs winden. Ein Vierjähriger, ich bin mir sicher, der das C-Wort bestimmt schon kennt. Ich muss das Wort jetzt für ihn in eine Grenze übersetzen, ihm sagen, dass er mit meinen Kindern nicht spielen darf. Ich bringe Kindern bei, Distanz zu wahren, ich bringe Kindern das Gegenteil von dem bei, was ich ihnen jemals zeigen wollte. Dass es leider nicht geht, heute, aber hoffentlich bald, hoffentlich, ich setze ein Ausrufungszeichen dahinter. Und mache ich, weil mich der Kleine mit den großen klischeehaften braunen Augen anstarrt, noch ein Kompliment über sein ferngesteuertes Polizeiauto, lege Worte über sein vorwurfsvolles Schweigen.

Schweigend setzt er sich einen Meter von uns entfernt, schaut dem Kartenspiel, bei dem er nicht mitmachen darf, Social Distancing schmerzt heute sichtbar, zu. Ich konzentriere mich aufs Lesen, höre hinter mir Geräusche. Höre eine verschnupfte Nase, dieses Kindergeräusch, wenn sie den Rotz hoch ziehen, was immer wie ein leichter Vorwurf klingt. Höre plötzlich auch etwas anderes, das wäre mir womöglich vor Wochen nicht einmal aufgefallen. Höre, wie das Kind schnappend atmet, höre, wie ihm Luft fehlt, nicht so, dass er Hilfe bräuchte, aber eben auch alles andere als gesund. Bist du erkältet? Höre, dass der Schnupfen nicht nur ein Schnupfen ist, höre das C-Wort im Kopf, höre, sehe, was ich über C-Symptome gelesen habe. Höre, sehe, was ich über die die Krankheit gelesen habe. Schäme mich, weil ich weg möchte, die Kinder weg bringen, und mich selbst auch, weiß nicht, wie ich das dem kleinen Jungen erklären sollte, den ich gerade schon nicht habe mitspielen lassen, weiß nur Sätze, die ich nicht sagen will: Jungs, sollen wir mal langsam heim? Könntest du dich vielleicht noch ein Stück weiter weg setzen? Scheiß-Corona, aber Scheiße sagt man nicht vor den Kindern. Wir müssen vielleicht noch lernen, was man dieser Tage zu Kindern sagt, wir müssen zusehen, wie Corona auch deren Leben verändert. – 8.04.2020

Tag 23 / Dienstag

Was nachgelassen hat mit den Tagen: Die Dringlichkeit, sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen. Zu wissen, wie, was die anderen machen. Als würde ich weniger nach Verbindungen suchen, nach Menschen. Wie wir uns alle daran gewöhnen, dasselbe zu fühlen, aber dennoch mit diesen Gefühlen alleine zu sein. Wie man plötzlich überrascht feststellt, dass es schon Wochen – Wochen! – her ist, dass man seine besten Freund*innen drückte, wie wenig sich alles wehrt. Zwischen den Nachrichten lasse ich mir inzwischen auch zwei Stunden Zeit, ohne mir Mühe geben zu müssen. Es lässt etwas nach, ich weiß nicht, wie ich es benennen könnte. Die Anspannung ist es nicht, der Stress. Die jagen mich weiterhin durch die Tage, an denen keine Minute ist, in der ich alleine bin. Viellicht ist es das hingesteuerte Sträuben, vielleicht macht sich Akzeptanz breit. Im Leben, im Herzen irgendwie auch, wir nehmen Corona jetzt als Leben.

Wenn ich doch in den sozialen Medien lese, so teilen sich Ansichten und verlinkte Artikel in zwei Lager, das kenne ich so gar nicht aus der eigenen Blase, wo sich die meisten doch in allem einig sind, vor allem darin, auf der richtigen Seite zu stehen. Die einen stellen Exit-Strategien vor, möchten ins Leben hinaus, Berechnungen werden geteilt, in denen Menschenleben gegen wirtschaftliche Verluste, die wiederum in menschlichen Verlusten enden, gegeneinander gestellt werden. Es ist von Demokratie, von Freiheitsrechten die Rede, die großen Begriffe sind immer eine gute Waffe. Auf der anderen Seite beinahe flehentliche, oft persönliche Berichte von jenen, die selbst erkrankt worden sind, oder Erkrankte kennen, um Menschen trauern, die verstorben sind. Sie warnen: Ihr wisst gar nicht, was diese Krankheit mit einem macht, Ihr habt doch keine Ahnung. Ich lese das. Habe Angst davor, keine Ahnung zu haben. Schlafe immer wieder schlecht.

Gestern Abend also die erste Online-Lesung. War nervös, als wäre es die erste, war es ja auch, die erste online. Vorher also schon mal alles ausprobiert, wo das Handy steht, wo ich sitze, es blieb gleich beim ersten Versuch: Am Schreibtisch. Irgendwie klischeehaft. Vorher nervös durch die Wohnung gerast, Lampen ein- und wieder ausgeschaltet. Dann dieser Moment, in dem es los geht, und ich niemanden sehe. Ich sehe mich, im Handy, ich mag nicht besonders, was ich da sehe, und ich bin mir dessen noch mehr bewusst, was ich nicht sehe: Freundliches Lächeln. Aufmerksame Augen. Hände, die noch schnell ihre Telefone ausschalten, Taschentücher in Handtaschen stecken. Blicke auf die Uhr. Blicke zu mir. Blicke, Augen, Hände, Menschen. Immer suche ich mir bei Lesungen im Publikum ein, zwei Menschen, die besonders freundlich lächeln, lächle, wenn ich aufblicke, sie an, Menschen zum Festhalten sind sie. Jetzt halte ich mein Buch fest, und wenn ich es umklammere, dann erblicke ich aus den Augenwinkeln, wie groß meine Hände auf dem Bildschirm wirken. Als die Lesung vorbei ist, bin ich aufgedreht, kitzle die Kinder durch, bin zu unruhig um zu sitzen. Telefoniere mit der Veranstalterin, wir sprechen darüber, dass das vermutlich ein Format ist, an das wir uns gewöhnen müssen: Kultur online. Mit diesem Gedanken öffne ich die Netflix-App, schlafe nach zehn Minuten Serie ein. – 07.04.2020

 

Tag 22 / Montag

Die Sonne scheint. Sie scheint schon seit Tagen, Wochen, hinterlässt geometrische Flecken auf dem Wohnzimmerboden, die Ruhe versprechen, Sommer, ich weiß nicht, ob die Sonne die Dinge besser macht. Oder ob sie uns vor Augen führt, was Ambivalenz bedeutet: Die Sonne scheint, aber eine Pandemie lässt Menschen sterben, in Existenzkrisen abrutschen, sich Sorgen um Geliebte machen, macht uns gefangen. Die Sonne scheint, ich setze mich an den Schreibtisch. Die Kinder haben Ferien, sie haben ein Schminkstudio im Kinderzimmer eröffnet. Ich bin die einzige Besucherin, und ich versuche, in der Zeit, in der eines meiner Augen blau, das andere grün geschminkt wird, nicht an die zu beantwortenden Mails zu denken. Ich lasse mich schminken, sie haben seit Wochen niemanden außer den Eltern und einander gesehen. Also lasse ich zu, dass meine Lippen lila scheinen.

Heute Abend die erste Online-Live-Lesung, ich schiebe das Ausprobieren der Technik hinaus. Als würde ich mich damit einlassen auf eine Welt, in der Kultur in geschlossenen Räumen statt findet, in der ich Lesende und Hörende nicht sehe, nur sie mich. In der wir Künstler*innen performen, ohne diesen so bedeutungsvollen Augenkontakt, ohne zu spüren, was Kunst mit den Menschen macht.

Gestern etwas über Corona-Tagebücher, -Blogs und -Journale in der Zeitung gelesen, denen Pathos vorgeworfen wurde, sie seien der Versuch, einem sinnentleerten Zeitraum einen eigenen, schreibenden Sinn verleihen. Ich wage es nicht, meine Texte auf Pathos hin zu überprüfen. Ich wage derzeit nicht, Emotionen einzuordnen, zu bewerten. Sie zerfließen alle, haben ihre Grenzen verloren (ist das ein pathetischer Satz?). Ich lese andere Corona-Journale, es hilft mir, Stimmen zu hören, Stimmen, die aufgeschrieben worden sind, Notizen einer Zeit, die alles umschmeißt, das wir kennen. Vielleicht hilft es nicht, vielleicht lässt es mich nur auf die Weite der Welt schließen.

Heute viel über antisemitische Corona-Hetze gelesen und auch über andere Corona-Verschwörungstheorien, schrecke zusammen, wie alte Vorstellungen ins Heute reichen, wie sehr sich Menschen Sündenböcke wünschen, wie sie nach jemandem greifen möchten, dessen Hals in diesem Griff erstickt. Während ich all das lese, fragte eines der Kinder, das auf der Couch ein Buch über Zirkus las: „Können wir bald wieder in den Zirkus?“. Ich habe gelernt, Antworten unendlich ins Vage zu verzerren. In meine Liste der neuen Begriffe füge ich „Notstand“ hinzu.

Ich befürchte, dieser Text war voller pathetischer Sätze. – 06.04.2020

Tage 20 + 21 / Samstag + Sonntag

Es gibt gute und schlechte Tage. Es gibt immer gute und schlechte Tage, aber es gibt sie jetzt in unmittelbarer Intensität. Wir warten, wir treiben uns durch die trübe Zeit der Zahlen, der Sorgen, der Funktionalität, wir kommen mal besser, mal schlechter zurecht. Im besten Fall helfen wir einander durch die schlechten Tage, wir helfen, aber wir halten einander dabei nicht fest. Wir dürfen das nicht, einander festhalten.

Die schlechten Tage: Freitagnachmittag kann ich plötzlich nicht mehr, es ist die Erschöpfung, es ist diese Anspannung, das ständige Warten auf etwas, aber ohne den Grund zu kennen, es ist die handlungslose Wirklichkeit des Sterbens, die uns wie ein Zaun umgibt. Es ist dieser Spagat, den ich nicht mehr aufzählen möchte, weil ich mich an ihm nicht mehr täglich versuchen will: Arbeit, Homeschooling, Haushalt, der Versuch, eine Tochter, eine Mutter, eine Freundin zu sein. Um fünf schalte ich den Computer aus, ich sage ein Telefonat, ein Skype-Bier ab, lege mich erschöpft in die Badewanne. Spiele Scrabble auf dem Handy, denke, ich müsste, ich müsste mal raus, Abendessen, dies, jenes, das Wasser wird kalt, bleibe liegen. Später pfeife ich auf alle Regeln, die Kinder haben schon Zähne geputzt und liegen mit ihren Büchern im Bett, da hole ich Schokokekse und schlage vor, dass wir allen pädagogischen Regeln zum Trotz, eine Kinderserie gucken. Jetzt?, fragen sie, weil sie es nicht glauben können. Jetzt. Mir fallen die Augen im wahrsten Sinne des Wortes zu, ich kann sie einfach nicht mehr aufhalten. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, an diesem Abend Mutter zu sein, oder ich bin es gerade umso mehr, in dieser regelwidrigen Erschöpfung.

Die guten Tage: Am Samstag früh, verspreche ich mir seit Tagen, bleibt der Computer aus. Ich wache auf, zu früh, gerade richtig zu früh, alle schlafen noch, sitze das erste Mal seit Tagen alleine am Küchentisch. Den Kaffee trinke ich aus der grünen Tasse, die ich in Bulgarien kaufte, handbemalt. Ich lese, ich lese das erste Mal seit Tagen. Ich lese, unterstreiche, notiere, mit jedem Wort, das ich lese, das ich schreibe, fällt die Anspannung der Woche ab, ich weiß nicht, wohin sie fällt, durch den Boden vielleicht, ins Nichts. Die Zeit war nicht da zu denken, auch zu trauern um die Welt, um all jene, die keine Hilfe bekommen, die Zeit, mit mir zu sein. Der Ich-Moment ist zart, er ist leise, er ist wahrscheinlich nur ein Moment.

Die guten Tage: Später backen wir Muffins, die Kinder basteln Aufstecker, auf denen „Gut gemacht“ und „3 Wochen geschafft“ steht, und ich bin überrascht, wie viele verschiedene Schreibweisen es für dieses Wort „geschafft“ gibt. Mit den Muffins machen wir uns mit den Rädern auf den Weg durch die Stadt, stellen sie Freund*innen vor die Tür. Die Kinder klingeln, sagen, dass man unten was holen solle, dann machen wir uns schnell wieder davon. Wenn die Sonne auf einen herunter scheint, ist es richtig warm, als hätte der Himmel noch nie was von der Krise gehört. Später, wir sitzen beim Essen, klingelt es an der Tür. Die Kinder, inzwischen Corona-dressiert, bleiben am Tisch, ich mache die Tür alleine auf. Ein Postbote, der einen Blumenstrauß bringt. Kunterbunte Tulpen auf dem Küchentisch, im Wohnzimmer, die an anderen Tagen nur den Frühling verheißen, nur, als wäre das nicht genug. In diesen Tagen aber vermögen sie viel mehr, sie sind eine konkrete Erinnerung in Farbe, daran, dass wir nicht alleine sind, obwohl wir alleine in der Wohnung hocken und hoffen, morgen werde wieder ein guter Tag. -05.04.2020

 

Tag 19 / Freitag

Ein Freitag, morgen hätten die Ferien begonnen. Die Kinder führen einen Freudentanz auf, die Schule ist vorbei. Wir sollten das mit Eis feiern, denke ich, aber ich sitze, während ich das denke, und während die Kinder tanzen, am Schreibtisch, die Arbeit wartet, ich bin müde, schon, oder noch von gestern, eben: noch. Das holen wir nach mit dem Eis, später, denke ich, später, später, später. Für später planen wir eine Party, die die Kinder „Corona-weg-Party“ nennen, ich meine, dass das ein ausgezeichnetes Motto ist. Ich sitze am Schreibtisch, vor mir Zettel verteilt mit verstreuten Gedanken. Alles ist ein wenig verstreut dieser Tage, obwohl alles irgendwie gleichzeitig geschieht.

Die Soforthilfe kam übrigens weder sofort noch später. Bislang kam sie gar nicht, ich checke mein Konto, beinahe so oft wie ich die Nachrichten checke, die Mails. Irgendwann bin ich der Endgeräte so müde, dass ich auch das Handy auf Flugmodus schalte, und dann bleibe ich stehen, im Wohnzimmer, zwischen verstreuten Playmobil- und Lego-Menschen, als wüsste ich gar nicht, wohin.

Trump meint, alles unter Kontrolle zu haben. Das ist nicht neu, aber heute irgendwie gefährlicher denn je, da gestern die Sterbezahlen in den USA jeden Rekord überschritten haben. Die BILD-Zeitung schlägt vor abzustimmen, welchem Virologen man am Meisten vertraue, spinnen die eigentlich, ja, tun sie, schon immer, aber in Zeiten wie diesen, immer wieder die Aneinanderreihung dieser sinnentleerten Worte: In Zeiten wie diesen, als hätten wir solche Zeiten schon erlebt. Ich lese das mit der BILD im Internet, erst da fällt mir auf, dass ich seit zwei Tagen nicht mehr draußen war. Die Kinder zumindest, die schicke ich jeden Tag vor die Tür. Die Tage sind lang, und morgen ist länger als es gestern war. Als würden die Tage jeden Tag um ein paar Minuten wachsen. Aus Ungarn auch jeden Tag Neuigkeiten, die einen zum Würgen bringen: Orbán will in Dokumenten nicht mehr das Geschlecht festhalten lassen, sondern das Geschlecht bei Geburt. Das kann man nicht mehr ändern, ist sein Plan. Die Nachricht geht unter wie alles, was nicht nach Corona riecht.

Einmal, ich sitze immer noch am Schreibtisch, fragt mich eines der Kinder aus heiterem Himmel, ob ich mich kurz in einen Playmobil-Menschen verwandeln könnte, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder schreien soll. Das Schreien, das bewahre ich mir auf, vermutlich für später. Jemand fragt mich, ob der Blog, das Schreiben gegen die Angst und Sorgen helfe, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Wenn sie das könnten, Worte, einem die Angst nehmen, dass nicht all die Tausenden von Menschen sterben, dass nichts mehr wie vorher wird. -03.04.2020

 

Tag 18 / Donnerstag

Tag 18, immer wieder diese Zahlen, wir zählen, aber wir zählen nicht auf das Ende zu. Wir kennen sie nicht, die letzte Zahl der Infizierten, die der Tage. Wir hoffen, dass wir nicht bis Unendlich zählen, nicht bis Ungewiss. Am Schlimmsten sind die Zahlen der Erkrankten, am Schlimmsten ist das Verb „steigen“, die Sterbezahlen. Die Verzweiflung der Lage wurmt sich in die Sprache: Dass Sterbezahl ein Begriff ist, den man tagtäglich hört. Oder sogar verwendet.

Die Menschen scheinen mir müde, alle, mit denen ich spreche, am Telefon, über Videokonferenzen. Alles, was vor zwei Wochen vielleicht noch etwas aufregend wirkte, in all dem Desaster, über Videoprogramme übertragene Abendessen, digitale Verabredungen jeglicher Art, hat auch den winzigen kleinen Rest Reiz verloren. Ich will nicht mehr sprechen, will nicht mehr erzählen, wie es mir geht. Ich will Menschen drücken, zu lange, ich will Gesichter sehen, die nicht ein Bildschirm verzieht, ich will Worte hören und auf die Gesichtszüge achten, ich will Schultern, auf die man kumpelhaft klopfen kann.  Ich will diese eine unauffällige, bis vor drei Wochen noch so unwichtige Berührung. Ich will nicht mehr, dass das Telefon klingelt, ich habe in meinem Leben noch nie so viel telefoniert. Ich will, dass sich im Kopf mal kurz nicht alles dreht.

Ich will die Wahrheit hören, ich will, dass sie mir jetzt schon sagen, dass am 19. April nichts vorbei ist. Ich will, dass sie mir sagen, dass die Schulen, die Kitas noch nicht öffnen, ich will hören, dass es genauso weiter geht. Dass Pakete mit Schulmaterialien hier ankommen, dass wir weiterhin zählen werden, dass wir in den Frühling ohne unsere Freund*innen gehen werden. Dass ich Blumen vor Türen legen kann, aber nicht Menschen in die Hand drücken. Es ist, als ob wir das alle wüssten, aber man sagt es uns nicht, ich weiß gar nicht, warum.

Ich merke, wie gereizt ich bin. Ich schicke die Kinder in den Hof hinaus und rufe meine Eltern an. Erzähl mir, wie es dir geht, sagt meine Mutter, da mag ich kurz nicht mehr, was soll ich denn erzählen, was denn, ich stecke hier fest. Ich raunze und schäme mich währenddessen. Zwischen Schulaufgaben stecke ich fest, zwischen Schreiben, das Telefon klingelt, der Radiergummi ist wieder weg, jemand hat Hunger, ich habe keinen Hunger und esse trotzdem, wir müssten wirklich an die frische Luft, die Tagesschau-App, die Kindernachrichten, das Telefon klingelt. Beim Abendessen über Video verabreden wir mit Freunden, beim Wiedersehen ein Pfannkuchen-Wettessen zu machen, Kinder gegen Erwachsene, und wir Erwachsenen gewinnen bestimmt.

Später rufe ich meine Mutter noch einmal an, um mich für meine Gereiztheit zu entschuldigen. Das verstehe sie doch, sagt sie, wir seien alle gerade auf unsere Weise überfordert. Das sind wir, und ich will wüten, ich will laut und ungestüm wüten, weil mir jemand offiziell sagt, dass es nicht weiter geht in zwei Wochen. – 02.04.2020

 

Tag 17 / Mittwoch

Der Umgang mit dem Corona-Virus: Turkmenistan verbietet zum Beispiel das Wort.  Wer es ausspricht, muss mit Strafen rechnen, so melden Reporter ohne Grenzen. So geht das natürlich auch, beziehungsweise so geht es natürlich nicht. Es gibt eine Menge Dinge, die gerade nicht gehen: Viktor Orbán will Bürgermeistern manche Kompetenzen entziehen, er will quasi Alleinherrscher sein. Dann nimmt er die Ankündigung zurück, all das geschieht hier in Europa. Wobei, Europa, dieser Tage mehr ein Wort als eine Gemeinschaft, gestern bat der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte beinahe bettelnd um europäische Hilfe. Sobald das Wort „Italien“ in den Nachrichten fällt, sind diese Särge zu sehen, dieses symbolgewordene Bild des Todes.

Habe vorhin den Kindern erzählt, dass der Hund der Großeltern verstorben ist. Habe so begonnen, wie man beginnt, oder ich habe zu viele Filme gesehen. Ich muss Euch etwas sagen. Ihr wisst doch, dass. Ich weiß, was du sagen willst, sagte einer bereits unter Tränen. Die Verzweiflung von Kindern, die halten wir, so gut es geht, fern. Es ist, weil wir uns selbst beschützen. Wir riefen Großmutter an, weinend. Sie erzählte, wer alles im Himmel auf den Hund aufpasse, Urgroßeltern, der Großonkel, unsere andere verstorbenen Hündin. Wir legten weinend auf. Ich schlug eine Abschiedsfeier vor und meinte morgen, aber die Kinder meinten, dass eine Abschiedsfeier ohne Großeltern nicht geht. Wenn Corona vorbei ist, dann fahren wir einfach zu Oma und Opa, sagte einer, und es klang, als wäre das übermorgen oder nächstes Wochenende vielleicht. Ja, sagte ich, dann. Dann, ich habe keine Vorstellung von dann. Ich habe keine Vorstellung von der „Lockerung von Maßnahmen“, ich habe keine Vorstellung davon, wie ich die Kinder zu den Großeltern bringe. Ich habe keine Vorstellung, wie viele Tränen, wie lang eine Umarmung, ich habe keinen Mut, das „dann“ in ein „wann“ zu verwandeln. Ich sage nichts, ich schlage vor, dass wir vielleicht Luftballons für den Hund steigen lassen und Zettel mit Wünschen daran hängen, und der Kleine sagt, vielleicht auch ein kleines Würstchen.

Dieses Gefühl, in einem Film zu leben. Der Film würde mit einer guten Nachricht enden, irgendjemand, Frau Merkel vielleicht, im (filmisch gesehen) schlimmsten Fall Herr Drosten, verkündete, Corona sei für immer besiegt. Menschen würden auf die Straße rennen, singen, tanzen, Kinder in den Armen der Großeltern, Liebende wieder vereint, als letzte Einstellung eine Umarmung. Oder eine Totale, in der Menschenmassen auf der Straße zu sehen sind, tanzend. Dieses Gefühl, in einem Film zu leben, aber der Film findet dieses Ende nicht. – 01.04.2020

 

Tag 16 / Dienstag

Einkaufen, das erste Mal seit Tagen, es kommt mir wie ein Ausflug vor. Wie eine Unternehmung, ich ziehe mich an, begebe mich unter Menschen. Ich drücke einen Aufzugknopf, um aus der Tiefgarage in den großen Supermarkt zu kommen, ich drücke ihn mit meinem Ärmel, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt. Ich bin aufgeregt, weil ich Aufzug fahre. Die Einkaufswagen werden von einem Mitarbeiter desinfiziert, einen Euro muss man auch nicht mehr einstecken, ich nehme alles hin, obwohl ich das zum ersten Mal sehe. Als müsste ich den Zeiten nicht mehr hinterher rennen, als wäre Corona Normalität. Die Menschen ganz ruhig, verteilen sich durch den Supermarkt, Klopapier ist auch noch da. In was für Zeiten sind wir denn gelandet, in denen ich das erwähnen muss, dass Klopapier im Supermarkt liegt. Erinnert mich an die Kindheit in der Sowjetunion, da wurden wir Kinder in Supermärkte geschickt, um zu schauen, was es „heute“ gibt, und dann Bericht zu erstatten. Corona: Ich erstatte über meinen Supermarktbesuch Bericht, und überall sterben Menschen.

Es fällt mir auf, es fragen nicht viele Menschen nach der Zeit. Ich lese in den Nachrichten bis Mitte Mai, bis Juni, bis Oktober, verlängert, dehnbare Zeiträume, wir leben alle von Tag zu Tag, nur das Virus breitet sich über Wochen und Monate aus. Ich frage die Kinder nicht, ob sie meinen, dass die Schule nach Ostern wieder beginnt, und ich sage ihnen nicht, was ich meine. Der Kurzzeitblick ist ein Schutzschild, es sind nicht viele, die wir dieser Tage haben. Ich bekomme die Bilder der Flüchtlingslager nicht aus dem Kopf, von diesen Menschenschlangen, die sich anstellen, weil sie sich die Hände waschen wollen. Jeden Tag telefoniere ich mit meinen Eltern, sie suchen einen Sandwich-Macher für mich. Sie wollen mit mir die Vor- und Nachteile verschiedener Modelle diskutieren, und ich will nur, dass er schnell geliefert wird, dann wäre eine Mahlzeit am Tag per Maschine erledigt. Heute rief ich sie beim morgendlichen Laufen an, es waren Minusgrade in München. Hör auf, ihr etwas zu erzählen, ist doch kalt, sie soll nachhause, wies mein Vater meine Mutter im Hintergrund an, die den Hörer in der Hand hatte. Manchmal weiß ich nicht, wer hier auf wen aufpasst, ich suhle mich kurz in diesem Gedanken, einfach nur ein Kind zu sein. – 31.03.2020


Tag 15 / Montag

Heute eine Mail bekommen, die mit den Worten „Es lebe der Optismismus!“ endete, das, dachte ich, nehme ich in den gesamten Tag. In heute, weiter denke ich nicht voraus, der Mittwoch wie in „übermorgen“ scheint mir Ewigkeiten und sehr viele verheerende Nachrichten weit weg. Im Kalender alles bis zum 19. April gestrichen, Christian Lindner spricht von Lockerung der Maßnahmen, ich sehe Frankreich, Italien, die USA in den Nachrichten, ich denke lieber nicht bis zum 19. April. Zeiträume sind wackelige Konstrukte, ich weiß nicht, ob die zwei Wochen seit der Schulschließung schnell oder langsam vergangen sind. Ich höre immer mehr von Kindern, die immer mehr traurig werden, weil die Situation auch für sie anstrengend ist, und ich denke an all jene Eltern, denen niemand die Kraft gibt, die sie brauchen, um liebevoll trösten zu können.

Jetzt klagen alle über das Homeschooling und die Vereinbarung von Lernbetreuung von Kindern und dem Job. Ich klage auch, kann mich nur schwer aufs Schreiben konzentrieren, wenn dazwischen die Frage nach der Rechtschreibung von „Briefe“ kommt, ja, mit ie, und das „habe ich das gestern nicht schon gesagt?“ verkneife ich mir. Ich habe Angst vor dem Danach, ich habe Angst, was geschieht, wenn die Schulen wieder öffnen, und die Bildungsschere, die in Deutschland dafür sorgt, dass die Chancen von Kindern, die nicht aus Akademiker*innen-Familien kommen, an weiter führenden Schulen und Universitäten zu lernen, eh im Verhältnis zu anderen OECD-Ländern auffallend gering sind, noch weiter aufgegangen ist. Weil nicht alle Eltern in der Lage sind, sich mit ihrem Nachwuchs hinzusetzen, Experimente durchzuführen, Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erklären und Deutschaufsätze zu verbessern. Weil sie überfordert sind, weil sie sich mit dem Schulstoff nicht auskennen, weil sie zu viele Geschwisterkinder zu betreuen haben, weil sie krank sind, weil, und die Gründe sind endlos. Die Gräben werden größer, und ich weiß nicht, warum man das zu verhindern versucht, warum man nicht Familien entlastet, die Eltern, die Kinder, weil die Kinder gerade eh am Lernen und die Eltern am Lehren sind: Was ist Verzicht, wie achte ich die Grenzen der anderen, die meiner Geschwister, wie beschäftige ich mich, während Mama in der Videokonferenz hängt, wie mache ich der kleinen Schwester ein Brot, wie helfe ich bei der Wäsche, wie viele selbst gemalte Bilder braucht der Opa, damit er sich nicht alleine fühlt. Wir lernen alle das Leben in Extremsituation, und wir Eltern bringen unseren Kindern bei, nicht zu verzweifeln, indem wir das selbst nicht tun. Ich habe keine Angst, dass meine Kinder Wahrscheinlichkeitsrechnung niemals lernen, ich habe noch nicht einmal Angst vor dem Einmal-Eins. Ich habe Angst vor dem Graben, den wir gerade gesellschaftlich vergrößern, ich habe Angst davor, was mit Kindern überforderter Eltern gerade, heute, jetzt zuhause passiert. – 30.03.2020


Tag 14 / Sonntag

Heute den ersten Corona-Alptraum gehabt, überhaupt so elendig geschlafen. Straßenzüge wurden gesprengt, um das Virus auszumerzen, ich träume Hollywood-Weltuntergangsszenarien, obwohl: Leben wir nicht alle in einem Film? Ich suchte nach meinem Auto in den gleich zu sprengenden Straßenzügen. Wenn ich wach bin, mag ich Autofahren nicht, aus sehr vielen verschiedenen Gründen, die Vorstellung ist absurd, dass ich mein Auto verzweifelt suchen würde, eher noch meinen Roller. Aufgewacht, nicht gewusst, ob ich weiter schlafen soll, als wäre das eine freie Entscheidung. Die freien Entscheidungen sind wie eine Erinnerung in Watte, sie sind in Nebel getränkt. Mit Rückenschmerzen aufgestanden, das ist so etwas schön Fassbares, wenn der Rücken schmerzt.

Die Texte tippe ich schnell, die Buchstaben springen aufs Papier, unerzogene, schnappende Welpen, ich lese nichts Korrektur, weil Korrekturlesen keinen Sinn zu machen scheint. Ich erinnere mich an langsames Schreiben, das Nachdenken über jeden Satz, über die Freundschaften und Feindschaften von Worten. Vielleicht wäre genau jetzt dafür die Zeit, ich möchte den Texten Liebe geben, Geduld und die Ruhe zu werden. Andererseits versuche ich den ganzen Tag, den Kindern Liebe zu geben, den Eltern, mit denen ich täglich telefoniere, viel häufiger als in den Jahren zuvor, wofür ich mich jetzt natürlich schäme, Klischees, die sich ins Leben drängen. Liebe nach unten geben, nach oben, zur Seite auch, es bleibt nicht viel übrig für einen selbst. In anderen Zeiten, denke ich, ohne Zeit in Zeiträume zu fassen, ich passe auf die Sätze eines Tages wieder auf.

Begriffe staple ich aufeinander, diese Begriffe der Corona-Zeit. Social Distancing, Kontaktverbot, Ausgangssperre, Worte, die Grenzen erzählen, Worte, die zwischen die Menschen gestellt werden, man sagt, um die Menschen eben zu retten. Diese Ambivalenz macht sich im Kopf breit, nimmt sich Raum, aber schafft es nicht bis den Gefühlen hindurch. Der Stapel der Begriffe wächst. Irgendjemand, meist aus der Poltiker*innen-Riga sagt neuerdings immer wieder „Krieg“. Sie nehmen sich das Wort einfach aus der Sprache heraus, klemmen es sich unter den Arm, um es in einen fremden Zusammenhang zu stellen. Sie haben nicht um Erlaubnis gefragt, all jene, die tatsächlich Kriege erlebt haben, all jene, die traumatisiert worden sind. Irgendjemand wird jetzt sicher sagen, mein Gott, warum denn schon wieder empfindlich.

Ich merke mir eine gute Sache am Tag, und ich esse Unmengen von Keksen, denen mit dunkler Schokolade, so ein bisschen mit diesem abstrusen Gedanken, ist jetzt auch egal, wenn die Welt untergeht. Portugal legalisiert Migrant*innen ohne Papiere, um ihnen einen Zugang zur Gesundheitsversorgung und sozialen Leistungen zu ermöglichen, es geht auch so. Es geht auch so, wie Adidas und H&M es machen, es ist, als würde die Corona-Krise die Innereien nach außen stulpen. Das Schöne, das Schlimme, all diese kreischenden Ichs.

 

Tag 13 / Samstag

Gestern Abend habe ich beim Scrabble verloren. Ich war ganz lange am Gewinnen, und dann, dann zog meine Freundin plötzlich an mir vorbei. Es ist das Verlieren, das beim Aufwachen hilft: Zumindest denke ich nicht nur an Corona. Ich denke über Worte mit „ü“ nach, und wie man vier „n“‘s auf einmal legen kann. Ich denke an meinen Vater, wie wir auf langen Zugfahrten Scrabble spielten. Wie er mich niemals gewinnen ließ, wofür ich ihm erst heute dankbar sein kann, früher nicht.

Gestern Abend die Tagesschau geguckt und das Corona-Extra. Frankreich, New York, überforderte Ärzt*innen, Hubschrauber, die Menschen in andere Krankenhäuser fliegen. Abstruse, sehr eigene Ängste: Ich habe Flugangst. Ich will mich einem Hubschrauber nicht einmal nähern müssen. Ich habe auch Angst vor Spritzen, ich weiß, wie irrelevant das klingt. Ich möchte diese Gedanken nicht haben. Dann: Das Bild einer Sporthalle, in der die Bundeswehr gründe Feldbetten aufstellt, erinnert mich sofort an die Bilder aus China. Die habe ich, ergraust, gesehen, gelitten, und damals gedacht, dass das China ist. Als lebten wir in einer anderen Welt.

Ich überlege, eine Liste von Dingen zu erstellen von Dingen, die ich nach Corona machen möchte, von Menschen, die ich drücken möchte, von allem, was vor drei Wochen noch so selbstverständlich war. Ich mache keine Liste, weil ich immer diesen Satz höre, von Politiker*innen und Expert*innen, von scheinbar jedem*r, den*die ich in der Tagesschau sehe, dass das Schlimmste noch kommt. Ich habe Angst davor, mich in einer Woche für diese Liste zu schämen.

Ich habe seit Jahren keine Party mehr gefeiert. Hauptsächlich, weil ich viel zu viel darüber nachdenke, wie es denen, die ich einladen würde, gehen könnte. Was, wenn sich jemand langweilt, und was, wenn die Leute nicht ins Gespräch kommen, und was, wenn zu wenige kommen, und was, wenn gar niemand kommt, und ich kenne zu viele Leute aus zu unterschiedlichen Kontexten, und überhaupt ist die Wohnung zu klein, und was, wenn ich zu wenig Essen zubereitet haben werde, und, was, wenn die Leute nur kommen, weil sie sich verpflichtet fühlen, und ich stelle mir vor, wie ich durch die Wohnung renne und bei jedem Gespräch aus den Augenwinkeln beobachte, ob sich jemand unwohl fühlen könnte, und feiere eben nicht. Aber wenn das hier vorbei ist, wenn das vorüber ist, diese große C-Krise, wenn wir uns wieder sehen und umarmen dürfen, wenn wir keine Videochats mehr brauchen – ich will nie, nie, nie wieder skypen -, dann mache ich eine große Party, und ich lade alle ein, und es ist mir egal, ob es genug zu essen gibt, und wenn sich zu viele auf einmal in ein Zimmer quetschen, es ist dann alles egal, weil wir einfach beieinander sein dürfen.

Gestern Abend hat die Tagesschau, oder waren es die Tagesthemen, weil auch Nachrichten in diesen Tagen zu der einen ewig währenden einen Nachricht verschwimmen, einen Beitrag gebracht über die Konflikte, die nun in den Familien schwelen, darüber, dass die Krise auch für Kinder schwierig ist. Zu sehen waren Kinder im hauseigenen Garten, die vor einem Trampolin standen und über Langeweile klagten, der Beitrag dauerte sicher über eine Minute, eine Minute, die hoffentlich nicht all jene Kinder sehen, die keinen Trampolin haben, auch keinen Garten, die sich auf wenige Quadratmer quetschen und Angst vor Schlägen haben, wir haben das ja alle in den letzten Tagen gehört, dass die Zahl an Gewaltverbrechen in den Familien exponentiell steigt. Da draußen ist Corona, aber wir vergessen immer noch zuverlässig, wie privilegiert wird sind. – 28.03.2020

 

Tag 12 / Freitag

Alles hämmert, alles hämmert in meinem Kopf. Gedanken, Nachrichten, in gereizte Sätze verfrachtete Ängste. Überforderung, die sich über einem Computerprogramm, das nicht starten will, entlädt. Fast 4900 Tote in Spanien, heute morgen habe ich herum gebrüllt, ohne eigentlichen Grund, vielleicht, weil ich die Stille vermisse. Vielleicht, weil ich Menschen vermisse, vielleicht, weil der Unterschied zwischen beiden verschwimmt. Boris Johnson wurde positiv auf Corona getestet, ich kann die hämischen Kommentare vor mir sehen, ich reiße die Fenster auf, als käme durch die Fenster die alte, die gute Welt.

Abends koche ich alleine, obwohl es pädagogisch und auch sonst aus sicherlich noch mehr Gründen sinnvoll ist, die Kinder die Karotten schnippeln und die Kartoffeln schälen zu lassen, ich koche alleine, das ist meine Zeit. Ich schnipple alleine Karotten, Ärzt*innen müssen entscheiden, wen sie weiter beamten, der deutsche Ethikrat äußerte sich auch schon dazu. Es macht keinen Sinn, Karotten zu schneiden, in New York sind sie auch schon krankenhaustechnisch überfordert. Es macht ein wenig Sinn, sie später zu essen, weil wir Freunden eingeladen haben, die wir über einen Handbildschirm sehen, wir haben das Handy auf einen Bücherstapel und auf die Bücher eine Zwieback-Packung gestellt. Sie sehen so klein aus im Handy, und wir wahrscheinlich auch. Ich fühle mich dieser Tage auch klein, obwohl ich groß sein muss, erwachsen, irgendwie größer als sonst.

Fast 4900 Tote in Spanien, und Adidas zahlt die Miete nicht mehr, und irgendjemand denkt, das alles sei irgendwie bald vorbei. Ich bin zu müde, um darüber zu lachen, ich habe gestern mit jemandem gesprochen, der in der gemeinsamen Wohnung seinem Freund aus dem Weg geht, weil der Asthma hat, sie essen nicht mal mehr zusammen. Was uns alle vereint in diesen Tagen: Das Aufwachen und Denken, dass alles vielleicht ein Alptraum war. Ich denke, dass uns das vereint, was weiß ich schon von anderen Menschen.

Was weiß ich schon von jenen, die in viel kleineren Wohnung mit viel mehr Menschen zusammen gepfercht sitzen, die vielleicht gar keine Wohnung haben. Mir ist es zum Fahrradfahren zu kalt, also schicke ich die Kinder alleine raus vor die Tür, und denen ist es zum Leben zu kalt. Was weiß ich schon von jenen, die vielleicht gerade geschlagen werden, wir wissen alle, die Konflikte nehmen dieser Tage zu – ich habe heute morgen die Kinder angebrüllt -, ich habe gelesen, auch die Gewaltbereitschaft. Was weiß ich von jenen, die im Dunkeln aufwachen, weil in ihnen alles dunkel ist, was weiß ich schon von jenen mit dieser Volkskrankheit Depression, was weiß ich, ob Dunkelheit schwärzer werden kann mit Corona. Was weiß ich über Einsamkeit, über die Verzweiflung, bis die Hand zum Hörer greift, um Fremde bei der Telefonseelsorge anzurufen. Was weiß ich schon von sterbenden Menschen, was weiß ich schon, ob ich das hier überhaupt schreiben darf und soll, ob Schreiben nicht an Sinn verloren hat in den letzten Tagen.

Gestern wurde der Hund meiner Eltern eingeschläfert, Fremde haben ihn zum Tierarzt gebracht. Nette Leute, die Zettel mit Hilfsangeboten aufgehängt hatten, wie wir, meine Mutter rief sie an. Ich hänge solche Zettel aus, und meine Eltern, beide krank, beide alt, beide Risikogruppe, beide ohne mich, und plötzlich so weit weg, schreiben sich Nummern von solchen Zetteln ab. Rufen an, bitten um das Schrecklichste, den sehr alten, sehr kranken Hund zum Tierarzt zu bringen. Sie küssen ihn zuhause zum Abschied, ich stelle es mir vor, obwohl ich es mir nicht vorstellen möchte, obwohl ich es muss, sie können nicht raus, das C-Wort. Die Einsamkeit in der Wohnung meiner Eltern, die karierte Decke des Hundes, ich höre auf, mir etwas vorzustellen. Die Einsamkeit hämmert vermutlich auch. – 27.03.2020


Tag 11 / Donnerstag

Vorgestern, als wir mit dem Rad unterwegs waren, frische Luft schnappen, es war viel zu kalt, aber wen kümmert schon Kälte in diesen Zeiten, brüllte ihre Mutter ihr Kind auf der Straße an: Ich will dich heute weder sehen noch hören! Eines der Kinder erschrak sich, wusste aber aus den Kindernachrichten schon Bescheid, dass jetzt Konflikte in den Familien drohen, jeder Raum zu eng, die Decken neigen sich gen Köpfe. Die kleinen Alltäglichkeiten bergen Reizpotential, und irgendwo müssen sich Sorgen ja entladen.

Meine Tante in Russland, wo die Zahl der Corona-Erkrankungen angeblich verhältnismäßig gering ist, aber wer will das schon glauben, bis auf die vielen Millionen Russen, erzählt, die Lage, die in der Welt, die sei ja gar nicht so schlimm. Alles nur Panik, die Panik habe Merkel erfunden. Meine Mutter legt auf mitten in diesem Gespräch.

Ich laufe durch die Wohnung, wirr, ebenso wirr sind meine Gedanken. Ich denke den nächsten, aber nicht weiter als den. Ich denke nicht in Tagen, nicht in Wochen, das ist Überlebensinstinkt. Ich bestelle Bücher für andere Menschen, für Kinder, für Freunde, ich schaue nicht aufs Geld. Ich lese nicht, ich bin zu unruhig, mache mit mir selbst zehn Seiten aus, ich zwinge mich neuerdings zum Lesen. Zehn Seiten am Tag, als stünde Lesen auf der To-Do-Liste. Nächte sind die einfachsten Stunden.

Niemand fragt nach der Zukunft, alle fragen nach dem Tag. Meine Freundin schreibt, sie möge nicht mehr aufwachen, weil dann der Alptraum ist. Jemand anders postet von Panik-Attacken, und viele sprechen einfach von schlechten Tagen. Am Telefon erzählt mir jemand, dass sein Freund in Algerien stecke und nicht hinaus komme, und auf Twitter schlägt jemand vor, die Eltern mögen doch alle um 19.30 Uhr auf den Balkon gehen und laut schreien, man könne das ja als Solidarität gegenüber jemandem benennen. Ich lache endlich, laut, manchmal lache ich den Kindern zuliebe über die Sprechblasen, die sie mir begeistert in Comics zeigen. Ich höre nicht mehr zu.

Auf gesellschaftlicher Ebene spricht man endlich darüber, was systemrelevante Berufe sind, wer unterbezahlt wird, und zwar gehörig, auch über den Anteil von Frauen in diesen Segmenten. Als hätte Corona was Gutes, hat es aber nicht. Es fällt mir schwer, Zusammenhänge zu bilden. Zu den guten Dingen gehört die erstaunlich gute Laune der Kinder, die zwei Stunden zwischen sechs und acht Uhr früh, in denen ich in Ruhe am Schreibtisch sitze, der Nudelauflauf von gestern. Zu den erschreckenden Dingen gehört auch das noch permanentere und penetrantere Vorhandensein technischer Geräte im Alltag.

Zwischendrin, während ich so durch unsere nicht so große Wohnung irre, fällt mir ein, dass ich einen Roman schreiben wollte. Irgendwann, vor nicht allzu langer Zeit. – 26.03.2020

 

Tag 10 / Mittwoch

Und dann ist Corona plötzlich da. Nicht als gefährliche Wolke, nicht mehr unsichtbar, kein Wort mehr, sondern ein Zustand. Es beginnt mit einer Mail, die von einer Bekannten kommt, sie und ihr Mann haben Corona. Letzte Woche, auf einer Party, sie beschwert sich über das Gesundheitsamt, das sie beim Verdacht mehrere Tage lang nicht erreichte. Aus Berlin höre ich von einer Freundin, sie kenne schon viele, da ist es in München noch ruhig, da blicken wir noch auf die Straßen hinaus, wie viele sind denn da, wie viele trauen sich noch auf die Straße. Und dann, es kommt ganz plötzlich, trifft es so viele um einen herum. Ein Vater im Krankenhaus, ein Schwiegervater, der beatmet werden muss. Ganze Familien, die das Virus erwischt. Dazwischen freue ich mich über gefüllte Paprika im Tiefkühlfach von meiner Mutter, eine Mahlzeit weniger, die gekocht werden muss. Als ich wieder auf das Telefon blicke, ist jemand aus der Familie einer Freundin an Corona gestorben. Draußen scheint die Sonne, aber ich stelle es mir immer noch kalt vor, so kalt wie gestern.

Den Kindern sage ich nichts, meinen Eltern sage ich nichts, ich schreibe auch niemandem. Die Menschen machen das so gut sie können, ich sehe das und versuche, es ihnen zu sagen, dass sie das gut machen. Wir halten uns alle wacker, irgendwie. Jetzt schreibe ich darüber, zwischendrin blicke ich auf mein Konto wegen dieser Soforthilfe Bayern, die irgendwann kommt, aber offensichtlich nicht sofort. Ich bin zu müde, um mich zu ärgern, ich fände es unfair irgendwie. Ich dachte nie, dass ich das sagen würde, aber ich nehme an, Söder macht es ebenfalls so gut, wie er kann, irgendwie. Irgendwie, auch so ein Wort dieser Tage.

Ich habe ein Wörterbuch der neuen Worte: Kontaktverbot, Ausgangssperre, Risikogruppe. Ich schreibe sie in rot untereinander, und manchmal starre ich die Seite nur an. Wir haben alle schlechte und bessere Tage, und irgendwann wird der Frühling wieder kommen, und draußen vor dem Fenster macht eine Frau Sport bei uns im Kopf, sie hat zwei Bälle und eine Isomatte dabei. Ich winke ihr zu, ich habe sie noch nie vorher gesehen. Sie sieht mich nicht, sie macht Kniebeugen, und ich zähle hinter der Fensterscheibe mit. Eins, zwei, drei, vier und so weiter. – 25.03.2020


Tag 9 / Dienstag

Während ich schreibe, erzählt mir die Tagesschau-App etwas über die Ausgangssperre in Großbritannien, und nebenan skypen die Kinder mit einem Freund und verabreden sich zu einer Kuchen-Konferenz um vier. Wir essen Kuchen in unserer Küche, seine Mutter und er essen einen – anderen – Kuchen in ihrer Küche, über einen Videochat schauen wir uns dabei zu. Unser Kuchen stammt vom Bäcker, ich backe nicht. Eines der Kinder backt außerordentlich gerne, aber danach müsste ich die Küche aufräumen, und es ist gerade alles ein einziges Muss. Ich träume davon, dass sich Nachbarn gegenseitig Essen vor die Tür stellen; man kocht ja eh. Es wäre allen damit geholfen, den Eltern, die Kinder, Arbeit, Haushalt, vielleicht sogar alleinerziehend, unter einen Hut bringen müssen, allemal; die Älteren freuen sich erst recht über diese Gesten. Und freuen wir uns nicht letztendlich alle, halten wir uns nicht an ihnen fest, an den guten Gesten dieser Tage? Vielleicht träume ich auch nur von Kuchen vor meiner Tür.

Morgen bin ich mit meinem besten Freund zu einem Bier verabredet. Wir treffen uns gegen neun. Ich habe gestern gelernt, dass es im Norwegischen ein Wort gibt für Draußen-Bier. Wir treffen uns auf ein Video-Bier, und es wäre ein schlechter Witz, wenn ich sagen würde: Ein Corona-Bier. Mein Sohn bietet mir an, ein Löwenbräu-Fass zu basteln, dann sieht es wie in einer Kneipe bei uns. Zum Scrabble-Spielen bin ich auch schon verabredet, ich habe quasi beinahe schon Freizeitstress. Ich sehe keine Menschen. Die Menschen, die ich sehe, sind Familie, oder Menschen, die ich durch Plastik oder Glasscheibe sehe. Manchmal sitze ich wie der Hund früher auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer und sehe den Menschen draußen zu.

Bei Facebook rechnen welche immer wieder aus, warum die Ausgangsbeschränkung keinen Sinn macht, wie gering doch die Erkrankungszahlen in Korrelation zu den Bevölkerungszahlen sind. Ich nehme mir nicht mehr die Zeit, diese Statements durchzulesen. Wir sind heute Fahrrad gefahren, es war so kalt, dass eines der Kinder meinte, zum Eisblock zu werden, ein Polizist winkte uns aus dem Auto zu. Bei einem Bäcker ein Schild, das besagte, dass Pflegekräfte, Polizisten und Ärzte einen Kaffee kostenlos bekommen, ich sagte ja schon, diese kleinen Gesten. Während ich das schreibe, haben die Kinder aufgehört zu skypen, sie spielen jetzt Herrchen und Bernhardiner. Der Bernhardiner, höre ich, möchte raus und darf nicht, ich weiß nicht, vielleicht haben die im Spiel auch Corona, vielleicht ist Corona jetzt sogar in Fantasie. – 24.03.2020

 

Tag 8 / Montag

Und dann ist Montag, der zweite, also der zweite Montag im Ausnahmezustand, und ich wache wie immer – wie immer seit Corona – um kurz vor sechs auf und springe wie immer – wie immer seit Corona – hellwach auf, und greife wie immer – wie immer und so weiter – als Erstes zur Tagesschau-App. Es ist, stelle ich erstaunt fest, ein Alltag.

Es gibt eine neue Zeitrechnung für mich, vielleicht für uns alle. Es gibt ein Früher, es gibt das, was normales Leben war: Am Montag wollte der Kleine nicht zur Schule. Wenn die Tür morgens hinter den Kindern ins Schloß fiel, war ich erleichtert, ich eilte zum Schreibtisch, zu Terminen. In diesem Früher konnte ich schnell in dieses südindische Restaurant, in dem ich das Gericht Nr. 97 so sehr liebe, ich konnte mir einfach sagen: Heute war ein doofer Tag, das habe ich mir jetzt verdient, dieses leckere Auberginen-Essen, und Nan-Brot und Raita noch dazu. In diesem Früher saßen wir bei schönem Wetter draußen in der Sonne und so weiter, aber das haben wir in den vergangenen Tagen alle schon oft genug gesagt. Es gibt ein Danach: Ich habe jetzt eine Nach-Corona-To-Do-Liste. Sie wird mit jedem Tag länger, sie ist mit Dinge gefüllt, für die ich andere Menschen brauche, sehen muss. Es gibt das Jetzt, und das Jetzt ist irgendwann in der letzten Woche zum Alltag geworden.

Ich stehe auf, ich sehne mich nicht mehr nach Terminen, die Kinder motzen, warum sie die Schlafanzüge nicht anbehalten dürfen, ich antworte, weil heute Schultag ist, und zeige auf unsere Schule: Der Küchentisch, einen Meter entfernt. Wir bleiben zuhause, gehen vielleicht kurz raus, ich jogge, die Kinder rollern neben mir. Auch das ist Corona: Ich jogge eigentlich nicht. Das Telefon, Skype stehen nicht still, sie sind jetzt meine besten Freunde. Einen der Kinder verabrede ich mit dem Großvater zum Schachspielen per Skype. Die Nachrichten ziehen sich durch den Tag, und jedes Mal, wenn jemand im Kommunikationskreis hustet, sagt jemand anders das C-Wort. Heute ist Montag, und der Montag, an dem wir nicht ohne triftigen Grund das Haus verlassen dürfen, an dem wir uns von Menschen, die wir mögen, fern halten sollen, der scheint mir plötzlich, ein normaler Montag zu sein. Es beginnt gerade die zweite Ausnahmewoche. – 23.3.2020

 

Tag 7 / Sonntag

Als ich heute aufstand – schon wieder zu früh – lag Schnee draußen auf der Straße, vorgestern war ich im T-Shirt Fahrrad gefahren. Mittags strahlend blauer Himmel, die Sonne schien, das sichtbare Wetter weigerte sich, den Temperaturen zu entsprechen, aber auf den Autos lag noch Schnee. Als wollte der Wettergott sich dem Surrealismus, der die Welt beherrscht, anschließen, und an der Isar Massen von Menschen. Spazieren gehen ist erlaubt, sie gingen und joggten in kleinen Grüppchen, Familien, Kleinkinder, die auf Laufrädern voran „sausten“, Ehepaare, die sich unter hackten, als liebten sie sich immer noch, vielleicht liebten sich einige von ihnen in diesen beängstigenden Zeiten wieder. Gegensätze, die sich nebeneinander drängen, der plötzliche Frühling, der Schnee, das Klopapier, die Nudeln.

Draußen, an unserer Haustür hängen inzwischen mehrere Zettel, Hilfsangebote an ältere Menschen. Wir hatten auch schon am letzten Wochenende welche überall in den umgebenden Straßenzügen verteilt, an Ampeln, Hauseingängen und Litfaßsäulen. Die Kinder warteten erst ungeduldig und dann enttäuscht vor dem Telefon, es gab einen einzigen Anruf. Ein Mann, der Stimme nach so jung wie ich, er wollte sich im Namen der älteren Bürger*innen bedanken und wissen, ob er seine Nummer drunter schreiben dürfe, dann verteilten wir die Aufgaben vielleicht unter uns. Solidarität und Nachbarschaftshilfe, Kultureinrichtungen, die ihre kulturellen Angebote wie Theatervorstellungen, Lesungen, Konzerte kostenlos online stellen, in der Hoffnung, dass die Kunst gegen Einsamkeit und Ängste hilft. Man sollte die Alten und die Kleinen miteinander vernetzen, Senioren, die Schüler*innen per Video geholfen, damit wäre allen Altersgruppen geholfen, den zwischen Homeoffice, Homsechooling und dem Home, in dem gekocht, geputzt, aufgeräumt werden muss, aufgeriebenen Eltern allemal.

Auf der anderen Seite Menschen, die sich wegen Klopapier schlagen, tatsächlich schlagen, im buchstäblichen Sinne: Fäuste, die trotz aller Appelle, Distanz zu halten, fremde Haut treffen, weil jemand eine Packung Klopapier hat. Rechte Bewegungen, die die Corona-Krise nutzen, um weiteren Hass zu schüren, dieses alte Motiv: Mit dem Finger auf Minderheiten zeigen, ein Sündenbock frei Haus. In Ungarn nutzt Viktor Orbán den Moment, um eine Diktatur zur etablieren: Er will das Parlament in die Pause zwingen, um selbst per Dekret zu regieren. Auch ein altes Motiv, Autokraten, die gesellschaftliche Krisen ausnutzen. Morgen, habe ich gehört, soll die Sonne wieder scheinen, und wir werden sehen, was sich wieder verschiebt. – 22.3.2020

 

Tag 6 / Samstag

Der Hund meiner Eltern stirbt. Er stirbt langsam, hat aufgehört zu fressen, stöhnt. Mein Vater kocht ihm ein Huhn, versucht, ihn stückchenweise zu füttern. Mein Bruder hat das Huhn vor die Tür gestellt zusammen mit anderen Einkäufen. Meine Mutter streichelt den Hund, er ist wie Oma, als sie starb, sagt sie am Telefon zu mir. Sie weint, ich sitze auf dem Fahrrad, es regnet auf mich herab. Es ist mir egal, dass es regnet, ich bin froh, aus dem Haus zu kommen. Das ist Sport, das darf ich. Telefoniert Ihr viel, frage ich meine Mutter. Mit anderen, meine ich, mit anderen in Eurem Alter, die auch alleine zuhause sitzen, die auch Essen vor die Tür gestellt bekommen, im besten Fall. Nein, sagt meine Mutter, es haben alle keine Kraft, es sind alle verzweifelt. Ob sie mit den Enkeln über Skype lernen soll, fragt sie. Ich traue mich nicht zu fragen, wie das jetzt mit dem Einschläfern wäre, meine Eltern, beide über siebzig, können mit ihm nicht zum Tierarzt dieser Tage. Wir denken nach, sagt meine Mutter, wir denken nach. Als ich auflege, kann ich nicht aufhören zu weinen.

Der Vater meiner Freundin rebelliert. Er liegt alleine zuhause, er wurde vor kurzem am Fuß operiert. Auch sie stellt ihm Essen vor die Tür. Aber warum, will er wissen, wenn alle von anderthalb Metern Abstand reden, warum kannst du dann nicht herein kommen, drei Meter Abstand halten, dann bin ich nicht allein. Er nennt sie „panisch“, er will nicht allein sein über Woche. Gestern haben die Jungs, die draußen Fahrrad fahren waren, mir irgendwas von einem „Opa mit seiner Enkelin“ erzählt. Wenn ich morgens aufwache, denke ich als Erstes Corona, dann an meine Eltern.

Die letzte Veranstaltung, die ich durchgeführt habe, war eine Schreibwerkstatt mit Senioren. Alles andere war bereits abgesagt worden, und deshalb fragte ich am Tag der Veranstaltung vormittags vorsichtshalber noch einmal nach: Wirklich, soll ich nachher kommen? Ja. Sie kamen alle, diese Senioren, sie waren aufgedreht und freudig, sie waren wie Figuren aus einer Comedy-Serie, in die man sich sofort verliebt. Sie bestanden darauf, mir die Hand zur Begrüßung und zum Abschied zu geben, und hatten Kekse und sogar einen Kuchen dabei. Sie regten sich wahnsinnig über das viele Plastik in den Supermärkten auf, und eine zeigte Einkaufstaschen, die sie aus alten Vorhängen der Schwiegertochter näht. Einer kam mit dem Fahrrad, und alle hatten sie Angst. Keine*r von ihnen hatte Angst vor Corona, aber alle hatten sie Angst vor der Isolation. Davor, alleine sein zu müssen, eine hatte einen festen Enkelinnen-Tag. Sie sprachen viel von sozialen Kontakten, da war Social Distancing noch kein so häufig verwendeter Begriff. Ich verließ die Veranstaltung gut gelaunt, es war so gut, dass sie ihren Lebensgeist mit mir teilten. Eine von ihnen hatte auch einen Hund, und eine andere hatte eine Geschichte über einen Hund geschrieben. Ich sage mir, sie hat ihr Leben gelebt, sagt meine Mutter über den Hund, und später sagt sie das über sich und meinen Vater, wir haben unser Leben gelebt. – 21.3.2020

 

Tag 5 / Freitag

Es klingelt an der Tür, wir frühstücken noch. Wir frühstücken, es ist nach elf, wir frühstücken nicht deshalb so spät, weil wir etwa ausgeschlafen haben, es ist kein gemütliches Sonntagsfrühstück mit Waffeln. Die Zeiten sind durcheinander geraten, die Tage übrigens auch. Ich muss nachschauen, um zu wissen, ob heute ein Mittwoch ist oder ein Freitag. Drei Mahlzeiten am Tag überfordern mich komplett, um mal banalen Alltag zu erzählen. Ich bestelle nichts, aus finanziellen Gründen, aber auch weil auch das soziale Kontakte bedeutet: Irgendwo schwingt sich ein Lieferant aufs Fahrrad, begegnet unterwegs Menschen, übergibt mir an der Tür das Essen. Aber ich träume, heimlich, während ich Tiefkühlgemüse in die Pfanne schmeiße – nicht schon wieder was schnippeln – vom indischen Essen. Ich träume davon, in einem Restaurant zu sitzen, irgendjemand, der*die mir zubereitetes Essen bringt.

Es klingelt an der Tür, das große Kind und ich springen beide auf, Besuch sind wir nicht mehr gewohnt. Bleib sitzen, fauche ich ihn an, und er blickt mich erschreckt an, warum darf ich denn nicht an die Tür. Weil das ein Kontakt weniger ist, wie sich Corona durchzieht durch unbedeutende Bewegungen, durch alles, durch den Ganz durch den Flur zur Wohnungstür. Der Postbote kommt nicht die Treppe hoch, steckt mir von unten das Päckchen entgegen. Lächelt, er muss und er will wahrscheinlich auch nicht mehr erklären.

Was ist das, rufen die Kinder, die brav und vielleicht etwas verängstigt in der Küche sitzen geblieben sind. Ein Paket, für mich. Ich reiße es auf, ein Buch, ein Entspannungsbad, Schokolade. Ein Corona-Krise-Care-Paket steht auf der Karte, und ich freue mich, wie ich mich seit wann, seit einer Woche, seit zehn Tagen nicht mehr freute. Für diesen einen kurzen Moment, in dem ich das Geschenkpapier noch nicht aufreiße, und die Kinder neben mir auf- und ab hüpfen, willst du nicht sehen, was für ein Buch, weicht alles von mir ab. Die Sorge, die um meine Eltern, die per Sprachnachricht zurecht über Einsamkeit klagen, um alle mit Vorerkrankungen, alle Älteren, die ich kenne, um die Geflüchteten an der Grenze, um Italien, um – und das ist noch nicht einmal eine Übertreibung – die ganze Welt. Die Sorge um die Finanzen – heute wurde die erste Veranstaltung im Juni abgesagt, die Müdigkeit, die sich ergibt, wenn man diese Sorgen mit dem Alltag mit den Kindern, dem Homeschooling, der Arbeit, dem Haushalt, dem Alleinsein mit allem multipliziert. Für den einen Moment ist alles kurz weg, ich reiße das Geschenkpapier auf. Ich stapele das Buch auf die anderen neben dem Bett: Ich werde sie irgendwann lesen, wenn die Müdigkeit und die Sorgen verschwinden. – 20.3.2020

 

Tag 4 / Donnerstag

Gestern hat die Bundeskanzlerin im Fernsehen gesprochen, wir leben jetzt in einem Roland Emmerich-Film. Ich habe gekocht und den Kindern zugerufen, sie sollen mir Bescheid sagen, sobald die Rede beginnt. „Ruft Ihr mich, wenn Angela Merkel beginnt?“, auch so ein Satz aus einem Film, dachte ich, ich erwische mich, wie ich mich selbst beobachte, wie ich die Welt beobachte, wie die Gedanken verwirrt einer hinter dem anderen her jagen, vielleicht ist es die Situation, die das mit einem macht. Ich bin wie ein unruhiges Tier, unruhiger als die Kinder bin ich, die nehmen die so genannte Entschleunigung hin. Ich gehe zu spät ins Bett und wache vor sechs auf, beginne Dinge, die ich nicht beende, einen Garten bräuchte man, um schwere Erde zu graben, bauen müsste man, ich lese die Nachrichten, immer und immer wieder, checke Mails, beantworte sie nicht, dann doch, vergesse, was ich machen wollte, und heute morgen habe ich die seit Jahren in einer Schublade verstreute Büroklammern in eine Dose getan. Es ist nicht die Langeweile, es ist die Unruhe, die alles beherrscht.

Gestern hat die Bundeskanzlerin im Fernsehen gesprochen, und die Menschen ermahnt, sich an die Empfehlung zu halten, sich in Distanz zu anderen zu üben, und heute hat die Polizei in München Partys von Jugendlichen aufgelöst, die das lustig fanden, Partys in Zeiten von Corona, immerhin, die Sonne scheint. Meine Freundin erzählte, dass sie als panisch bezeichnet wurde, weil sie sich an Social Distancing hält, und es geht nicht um Blaming, wenn ich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen möchte. „Schlag mitm Kopp an die Wand“, sagte meine Großmutter auf Jiddisch, wenn ich mich als Kind über Langeweile beschwerte. Frau Merkel war noch die nachsichtige Mutter, und Söder heute der strenge Vater, der die letzte Warnung aussprach, und am Liebsten würde ich hinaus rennen, in all diese Parks und schreien: „Seht Ihr nicht, was Ihr uns da einbrockt“, und ein „Vielen Dank auch!“ hinterher. Unruhig, auch dieser Gedanke.

Auf meinem Schreibtisch liegt ein blauer Notizzettel, der mich daran erinnert, dass ich einen Gegenstand zum Leben erwecken soll, es liegen viele Zettel auf meinem Schreibtisch herum. Ein paar habe ich gestapelt: Das sind To-Dos, die Wochen, vielleicht Monate warten müssen, weil sie das Sehen anderer Menschen benötigen, vielleicht sind sie nach diesen Wochen und Monaten nicht mehr relevant. -19.04.2020

 

Tag 3 / Mittwoch

Wenn die Welt eine andere wäre, also wenn die Welt so wäre, wie sie es vor kurzem noch war, wenn Corona ein Bier-Wort wäre, oder vielleicht gar kein Wort, dann würden wir alle, dann würde auch ich, dann. Dann wäre ich jetzt draußen, in der Sonne, dann würde ich jetzt wahrscheinlich an einer Rede schreiben zur Münchner Woche gegen Rassismus, ich würde über die Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze schreiben, über Grenzüberschreitungen in der Sprache, und wie sie sich mit der Zeit in Gewalt manifestieren. Ich würde um einen Aufschrei bitten. Ich habe die Rede heute auf fünf Sätze reduziert, die in einer Pressemitteilung erscheinen, Worte, die per Mail versandt werden, anstatt einer Auftaktveranstaltung mit Menschen. Ich habe Corona in die fünf Sätze eingebaut, ich habe sie einbauen müssen.

Denken, sprechen, arbeiten in Zeiten von Corona. Alles wird anders, der Alltag, der Bewegungsraum, das öffentliche Leben – heute Menschen mit Gummihandschuhen gesehen -, bevor es vielleicht kein öffentliches Leben gibt, bevor wir in unseren Wohnungen und Häusern verschwinden. Heute Abend hält Angela Merkel eine Fernsehansprache, ein wenig wie in amerikanischen Filmen, in denen die Welt untergeht. Weil ein Virus zum Beispiel herum schwebt, zum Beispiel.

Arbeiten in Zeiten von Corona: Wenn die Welt eine andere wäre, wenn Corona ein Bier-Wort wäre, würde ich, nachdem ich die Rede geschrieben habe, mich wieder dem Kindertheaterstück widmen, an dem ich mit dem Pathos-Theater zusammen arbeite. Ich würde, etwas ängstlich, ins Theater marschieren, ängstlich, weil diejenigen, mit denen ich zusammen arbeite, meinen Text auseinander nehmen, und froh, weil da Menschen sind, die meinen Text auseinander nehmen, dass wir zusammen etwas erarbeiten, dass ich nicht alleine am Schreibtisch eine Welt erschaffen muss, die später kleine, wichtige Zuschauer*innen sehen. Wir waren gestern zum Arbeiten verabredet, wir trafen uns auch um die verabredete Zeit. Um zwölf, auf dem Bildschirm. Es dauerte, bis wir es raus hatten, wie man das macht, dass man alle drei aus der Videokonferenz im gesplitteten Screen sieht. Wir arbeiteten zu viert, es waren außerdem – kurzzeitig – dabei: Ein Kind mit Schnuller, eines, das sich im Hintergrund versteckte, ein Kind, das fast kein Kind mehr ist, und sich kurz hinunter zum Bildschirm beugen musste, um Hallo sagen zu können, ein paar Kinder, die irgendetwas zu teilen versuchten, mein Sohn, der sich an meinen Hals hängte, um alle Teilnehmerinnen des Gesprächs sehen zu können, und mein anderer Sohn, der sich im Hintergrund so vorbei schlich, dass niemand ihn sah. Wir gaben einander Hausaufgaben auf, um weiter machen zu können, damit es weiter geht, das Arbeiten in Zeiten von Corona. Damit am Ende ein Theaterstück entsteht. – 18.3.2020

 

Tag 2 / Dienstag 

Um vier Uhr morgens aufgewacht, Nase zu. Aber Nase schon seit zwei Wochen zu, das muss man dieser Tage ja dazu sagen, dass es kein Corona gibt. Wie früher, nein, Mama, ich habe nicht, und dann kamen, wenn ich darüber nachdenke, lauter Lügen. Heute nicht, heute ist es eine handelsübliche Nasenverstopfung, sie weckt mich, trockener Rachen, Wasserglas holen, Fenster auf, Nasenspray suchen, wach.

Vier Uhr morgens mag eine gute Zeit gewesen sein, um wach zu sein, früher, als man so lange aufgeblieben ist, das war vor den Kindern und diesem verdammten Ernst des Lebens, es ist keine gute Zeit um aufzuwachen. Sich im Morgengrauen erinnern, Corona. Sich im Morgengrauen an den Fehler von gestern erinnern, mit Nachrichten ins Bett zu gehen. Apokalypse pur, geschlossene Grenzen, Ausgangssperren, wilde Verschwörungstheorien, wie die Juden, die Chinesen, die Geflüchteten, die Sonst-Wer schuld seien an dem Virus, die Suche nach Klopapier, die gefährlichere Suche, die nach Opfern für Hass. Ängste, die aus Menschen – ich wollte Tiere schreiben, aber ich weiß nicht, ob der Vergleich hinkt – also was machen, Wesen, die sich gegeneinander richten. Ich, ich, ich, und noch mal Ich, in Großbuchstaben, aber vier Uhr morgens ist keine gute Zeit, um aufzuwachen. Dann denke ich noch an das Gesundheitssystem in den USA, und an Menschen, die gerade nicht nachhause dürfen. Ich kenne das nicht, Angst vor den Nachrichten haben.

Um sieben Uhr aufgewacht, Schritte im Flur, Nase immer noch zu. Griff zum Handy, eine neue Sucht, mit Nachrichten ins Bett, mit Nachrichten die Nacht durchmachen, mit Nachrichten aufwachen. Als wären sie ein Mensch. Lesen, entweder anders lesen, oder selektive Wahrnehmung oder was das ist. Hilfsangebote, überall. Student*innen, die Abiturient*innen online unterrichten wollen. Künstler*innen aller Sparten, die der Videoübertragung Kultur zu den Menschen bringen wollen. Nachbarschaftshilfe, jemand bittet sogar eine Packung dieses berühmt-berüchtigten Klopapiers an. Jemand anders postet einen Link zu Online-Kursen von Ivy League-Universitäten, man habe gerade ja viel Zeit. Ich springe auf, was ich nicht alles studieren wollte, und wo nicht alles, Yale, Harvard und wie die alle heißen. Erstelle eine Kursliste, „Introduction to Psychology“, „Modern Poetry in America“ bis hin zu einer Vorlesung über künstliche Intelligenz, man hat ja jetzt Zeit. Packe den Stundenplan zu voll. Tanze durch die Wohnung, weil ich jetzt in Yale studiere, Nase immer noch zu. Schwöre mir, Nachrichten vielleicht lieber morgens lesen, schreibe Nasenspray auf die Einkaufsliste. – 17.3.2020

 

Tag 1 / Montag

Gerade habe ich einen neuen Ordner auf dem Computer geöffnet, der Corona-Blog heißt. Makaber schien mir das, ein bisschen, geht’s nicht ein bisschen kreativer, Lena, dachte ich mir, aber dann dachte ich, wieso, ist doch so. Es ist alles irgendwie Corona. Ich wollte den Corona-Blog-Ordner woanders hinverschieben, und dachte mir, vielleicht ist ja jetzt die Zeit für all die Dinge, zu denen man sonst nicht kommt (immerhin, ich habe meinen Kleiderschrank vorgestern schon aus- und wieder eingeräumt, und ich fühlte mich danach nicht besser), ich könnte mir mal eine*n Computer-Spezialist/en*in holen, der*die mir das Ganze auf Vordermann bringt. Und dann, schon wieder das C-Wort, fragte ich mich, ob das geht, ob es nicht eben egoistisch sei, weil er*sie oder ich den Virus weiter geben könnten in der Zeit, in der er*sie diesen Corona-Blog-Ordner verschiebt. Flatten the curve, auch so ein Begriff, den man vor zehn Tagen noch gar nicht kannte.

Vor zwei Wochen, und jetzt wird’s tatsächlich makaber, lag ich schwer erkältet (nein, nicht Corona) bei meiner Freundin auf der Couch. In Japan machten sie gerade die Schulen zu, in Deutschland gab es die ersten Erkrankten. In München hatten am Vorabend im Residenztheater Menschen gehustet, und alle anderen Menschen hatten die Köpfe zu ihnen gedreht. Heimsberg, ein Ort, von dem vorher auch noch niemand gehört hatte, wahrscheinlich zurecht, prägte die Schlagzeilen, es war irgendwie alles noch gut. Sie feierten Karneval in Köln. Willst du was gucken, fragte die Freundin. Klar, sagte ich. Weißt du noch, dieser alte Film, in dem Dustin Hoffmann die Welt vor einem Virus rettet, der mit dem kleinen Affen. Outbreak heißt der Film, er ist aus den Neunziger Jahren. Meine Nase war zu, da half auch das Spray mit den ätherischen Ölen nicht dagegen, wir schauten Dustin Hoffmann dabei zu, wie er die Welt rettete, Soldaten auf den Straßen, die die Menschen vom Rausgehen abhielten, und auch so ein Begriff, den ich seit dem Matheunterricht in der Schule nicht mehr verwendete: Exponentiell. Ein skurriles Gefühl, kein beängstigendes, es ist ja alles ein Film.

Ich bin immer noch erkältet, der Film ist jetzt hier. Er ist hier, wenn ich die Tagesschau-App öffne, die Nachrichten lese, durch die sozialen Medien scrolle. Wenn ich das Haus verlasse, wenn ich durch die Stadt radle – um die Kinder zu holen, das sagt man ja dieser Tage dazu, um klar zu stellen, dass man sich nicht spaßeshalber unter die Menschen begibt, – dann ist es nur ein Münchner Sonntag. Menschen, die sich an der Isar nebeneinander quetschen. Familien auf Spielplätzen, kleine Kinder weinen, weil ihnen jemand die Schaukel weg genommen hat. Die Sonne scheint, auf diese typisch Münchner Weise, so, als wäre die Welt noch in Ordnung, als machten Viren vor dieser Stadt halt. – 16.3.2020

Datum

14. Mai 2020

Uhrzeit

All Day

Ort

PATHOS München
Dachauer Straße 110d, 80636 München

Veranstalter

PATHOS München // Dachauer Str. 110d

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