Der Corona-Blog

Die Münchner Schriftstellerin Lena Gorelik schreibt ab sofort einen Blog fürs PATHOS mit ihren Gedanken zur Situation. Sie verfolgen den Corona-Blog? Lena Gorelik freut sich über Rückmeldungen, Anregungen und Gedanken zu Ihrem persönlichen, neuen Alltag. Melden Sie sich bei ihr unter blog@pathosmuenchen.de

Tag 20 / Samstag

Es gibt gute und schlechte Tage. Es gibt immer gute und schlechte Tage, aber es gibt sie jetzt in unmittelbarer Intensität. Wir warten, wir treiben uns durch die trübe Zeit der Zahlen, der Sorgen, der Funktionalität, wir kommen mal besser, mal schlechter zurecht. Im besten Fall helfen wir einander durch die schlechten Tage, wir helfen, aber wir halten einander dabei nicht fest. Wir dürfen das nicht, einander festhalten.

Die schlechten Tage: Freitagnachmittag kann ich plötzlich nicht mehr, es ist die Erschöpfung, es ist diese Anspannung, das ständige Warten auf etwas, aber ohne den Grund zu kennen, es ist die handlungslose Wirklichkeit des Sterbens, die uns wie ein Zaun umgibt. Es ist dieser Spagat, den ich nicht mehr aufzählen möchte, weil ich mich an ihm nicht mehr täglich versuchen will: Arbeit, Homeschooling, Haushalt, der Versuch, eine Tochter, eine Mutter, eine Freundin zu sein. Um fünf schalte ich den Computer aus, ich sage ein Telefonat, ein Skype-Bier ab, lege mich erschöpft in die Badewanne. Spiele Scrabble auf dem Handy, denke, ich müsste, ich müsste mal raus, Abendessen, dies, jenes, das Wasser wird kalt, bleibe liegen. Später pfeife ich auf alle Regeln, die Kinder haben schon Zähne geputzt und liegen mit ihren Büchern im Bett, da hole ich Schokokekse und schlage vor, dass wir allen pädagogischen Regeln zum Trotz, eine Kinderserie gucken. Jetzt?, fragen sie, weil sie es nicht glauben können. Jetzt. Mir fallen die Augen im wahrsten Sinne des Wortes zu, ich kann sie einfach nicht mehr aufhalten. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, an diesem Abend Mutter zu sein, oder ich bin es gerade umso mehr, in dieser regelwidrigen Erschöpfung.

Die guten Tage: Am Samstag früh, verspreche ich mir seit Tagen, bleibt der Computer aus. Ich wache auf, zu früh, gerade richtig zu früh, alle schlafen noch, sitze das erste Mal seit Tagen alleine am Küchentisch. Den Kaffee trinke ich aus der grünen Tasse, die ich in Bulgarien kaufte, handbemalt. Ich lese, ich lese das erste Mal seit Tagen. Ich lese, unterstreiche, notiere, mit jedem Wort, das ich lese, das ich schreibe, fällt die Anspannung der Woche ab, ich weiß nicht, wohin sie fällt, durch den Boden vielleicht, ins Nichts. Die Zeit war nicht da zu denken, auch zu trauern um die Welt, um all jene, die keine Hilfe bekommen, die Zeit, mit mir zu sein. Der Ich-Moment ist zart, er ist leise, er ist wahrscheinlich nur ein Moment.

Die guten Tage: Später backen wir Muffins, die Kinder basteln Aufstecker, auf denen „Gut gemacht“ und „3 Wochen geschafft“ steht, und ich bin überrascht, wie viele verschiedene Schreibweisen es für dieses Wort „geschafft“ gibt. Mit den Muffins machen wir uns mit den Rädern auf den Weg durch die Stadt, stellen sie Freund*innen vor die Tür. Die Kinder klingeln, sagen, dass man unten was holen solle, dann machen wir uns schnell wieder davon. Wenn die Sonne auf einen herunter scheint, ist es richtig warm, als hätte der Himmel noch nie was von der Krise gehört. Später, wir sitzen beim Essen, klingelt es an der Tür. Die Kinder, inzwischen Corona-dressiert, bleiben am Tisch, ich mache die Tür alleine auf. Ein Postbote, der einen Blumenstrauß bringt. Kunterbunte Tulpen auf dem Küchentisch, im Wohnzimmer, die an anderen Tagen nur den Frühling verheißen, nur, als wäre das nicht genug. In diesen Tagen aber vermögen sie viel mehr, sie sind eine konkrete Erinnerung in Farbe, daran, dass wir nicht alleine sind, obwohl wir alleine in der Wohnung hocken und hoffen, morgen werde wieder ein guter Tag.

 

Tag 19 / Freitag

Ein Freitag, morgen hätten die Ferien begonnen. Die Kinder führen einen Freudentanz auf, die Schule ist vorbei. Wir sollten das mit Eis feiern, denke ich, aber ich sitze, während ich das denke, und während die Kinder tanzen, am Schreibtisch, die Arbeit wartet, ich bin müde, schon, oder noch von gestern, eben: noch. Das holen wir nach mit dem Eis, später, denke ich, später, später, später. Für später planen wir eine Party, die die Kinder „Corona-weg-Party“ nennen, ich meine, dass das ein ausgezeichnetes Motto ist. Ich sitze am Schreibtisch, vor mir Zettel verteilt mit verstreuten Gedanken. Alles ist ein wenig verstreut dieser Tage, obwohl alles irgendwie gleichzeitig geschieht.

Die Soforthilfe kam übrigens weder sofort noch später. Bislang kam sie gar nicht, ich checke mein Konto, beinahe so oft wie ich die Nachrichten checke, die Mails. Irgendwann bin ich der Endgeräte so müde, dass ich auch das Handy auf Flugmodus schalte, und dann bleibe ich stehen, im Wohnzimmer, zwischen verstreuten Playmobil- und Lego-Menschen, als wüsste ich gar nicht, wohin.

Trump meint, alles unter Kontrolle zu haben. Das ist nicht neu, aber heute irgendwie gefährlicher denn je, da gestern die Sterbezahlen in den USA jeden Rekord überschritten haben. Die BILD-Zeitung schlägt vor abzustimmen, welchem Virologen man am Meisten vertraue, spinnen die eigentlich, ja, tun sie, schon immer, aber in Zeiten wie diesen, immer wieder die Aneinanderreihung dieser sinnentleerten Worte: In Zeiten wie diesen, als hätten wir solche Zeiten schon erlebt. Ich lese das mit der BILD im Internet, erst da fällt mir auf, dass ich seit zwei Tagen nicht mehr draußen war. Die Kinder zumindest, die schicke ich jeden Tag vor die Tür. Die Tage sind lang, und morgen ist länger als es gestern war. Als würden die Tage jeden Tag um ein paar Minuten wachsen. Aus Ungarn auch jeden Tag Neuigkeiten, die einen zum Würgen bringen: Orbán will in Dokumenten nicht mehr das Geschlecht festhalten lassen, sondern das Geschlecht bei Geburt. Das kann man nicht mehr ändern, ist sein Plan. Die Nachricht geht unter wie alles, was nicht nach Corona riecht.

Einmal, ich sitze immer noch am Schreibtisch, fragt mich eines der Kinder aus heiterem Himmel, ob ich mich kurz in einen Playmobil-Menschen verwandeln könnte, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder schreien soll. Das Schreien, das bewahre ich mir auf, vermutlich für später. Jemand fragt mich, ob der Blog, das Schreiben gegen die Angst und Sorgen helfe, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Wenn sie das könnten, Worte, einem die Angst nehmen, dass nicht all die Tausenden von Menschen sterben, dass nichts mehr wie vorher wird. -03.04.2020

 

Tag 18 / Donnerstag

Tag 18, immer wieder diese Zahlen, wir zählen, aber wir zählen nicht auf das Ende zu. Wir kennen sie nicht, die letzte Zahl der Infizierten, die der Tage. Wir hoffen, dass wir nicht bis Unendlich zählen, nicht bis Ungewiss. Am Schlimmsten sind die Zahlen der Erkrankten, am Schlimmsten ist das Verb „steigen“, die Sterbezahlen. Die Verzweiflung der Lage wurmt sich in die Sprache: Dass Sterbezahl ein Begriff ist, den man tagtäglich hört. Oder sogar verwendet.

Die Menschen scheinen mir müde, alle, mit denen ich spreche, am Telefon, über Videokonferenzen. Alles, was vor zwei Wochen vielleicht noch etwas aufregend wirkte, in all dem Desaster, über Videoprogramme übertragene Abendessen, digitale Verabredungen jeglicher Art, hat auch den winzigen kleinen Rest Reiz verloren. Ich will nicht mehr sprechen, will nicht mehr erzählen, wie es mir geht. Ich will Menschen drücken, zu lange, ich will Gesichter sehen, die nicht ein Bildschirm verzieht, ich will Worte hören und auf die Gesichtszüge achten, ich will Schultern, auf die man kumpelhaft klopfen kann.  Ich will diese eine unauffällige, bis vor drei Wochen noch so unwichtige Berührung. Ich will nicht mehr, dass das Telefon klingelt, ich habe in meinem Leben noch nie so viel telefoniert. Ich will, dass sich im Kopf mal kurz nicht alles dreht.

Ich will die Wahrheit hören, ich will, dass sie mir jetzt schon sagen, dass am 19. April nichts vorbei ist. Ich will, dass sie mir sagen, dass die Schulen, die Kitas noch nicht öffnen, ich will hören, dass es genauso weiter geht. Dass Pakete mit Schulmaterialien hier ankommen, dass wir weiterhin zählen werden, dass wir in den Frühling ohne unsere Freund*innen gehen werden. Dass ich Blumen vor Türen legen kann, aber nicht Menschen in die Hand drücken. Es ist, als ob wir das alle wüssten, aber man sagt es uns nicht, ich weiß gar nicht, warum.

Ich merke, wie gereizt ich bin. Ich schicke die Kinder in den Hof hinaus und rufe meine Eltern an. Erzähl mir, wie es dir geht, sagt meine Mutter, da mag ich kurz nicht mehr, was soll ich denn erzählen, was denn, ich stecke hier fest. Ich raunze und schäme mich währenddessen. Zwischen Schulaufgaben stecke ich fest, zwischen Schreiben, das Telefon klingelt, der Radiergummi ist wieder weg, jemand hat Hunger, ich habe keinen Hunger und esse trotzdem, wir müssten wirklich an die frische Luft, die Tagesschau-App, die Kindernachrichten, das Telefon klingelt. Beim Abendessen über Video verabreden wir mit Freunden, beim Wiedersehen ein Pfannkuchen-Wettessen zu machen, Kinder gegen Erwachsene, und wir Erwachsenen gewinnen bestimmt.

Später rufe ich meine Mutter noch einmal an, um mich für meine Gereiztheit zu entschuldigen. Das verstehe sie doch, sagt sie, wir seien alle gerade auf unsere Weise überfordert. Das sind wir, und ich will wüten, ich will laut und ungestüm wüten, weil mir jemand offiziell sagt, dass es nicht weiter geht in zwei Wochen. – 02.04.2020

 

Tag 17 / Mittwoch

Der Umgang mit dem Corona-Virus: Turkmenistan verbietet zum Beispiel das Wort.  Wer es ausspricht, muss mit Strafen rechnen, so melden Reporter ohne Grenzen. So geht das natürlich auch, beziehungsweise so geht es natürlich nicht. Es gibt eine Menge Dinge, die gerade nicht gehen: Viktor Orbán will Bürgermeistern manche Kompetenzen entziehen, er will quasi Alleinherrscher sein. Dann nimmt er die Ankündigung zurück, all das geschieht hier in Europa. Wobei, Europa, dieser Tage mehr ein Wort als eine Gemeinschaft, gestern bat der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte beinahe bettelnd um europäische Hilfe. Sobald das Wort „Italien“ in den Nachrichten fällt, sind diese Särge zu sehen, dieses symbolgewordene Bild des Todes.

Habe vorhin den Kindern erzählt, dass der Hund der Großeltern verstorben ist. Habe so begonnen, wie man beginnt, oder ich habe zu viele Filme gesehen. Ich muss Euch etwas sagen. Ihr wisst doch, dass. Ich weiß, was du sagen willst, sagte einer bereits unter Tränen. Die Verzweiflung von Kindern, die halten wir, so gut es geht, fern. Es ist, weil wir uns selbst beschützen. Wir riefen Großmutter an, weinend. Sie erzählte, wer alles im Himmel auf den Hund aufpasse, Urgroßeltern, der Großonkel, unsere andere verstorbenen Hündin. Wir legten weinend auf. Ich schlug eine Abschiedsfeier vor und meinte morgen, aber die Kinder meinten, dass eine Abschiedsfeier ohne Großeltern nicht geht. Wenn Corona vorbei ist, dann fahren wir einfach zu Oma und Opa, sagte einer, und es klang, als wäre das übermorgen oder nächstes Wochenende vielleicht. Ja, sagte ich, dann. Dann, ich habe keine Vorstellung von dann. Ich habe keine Vorstellung von der „Lockerung von Maßnahmen“, ich habe keine Vorstellung davon, wie ich die Kinder zu den Großeltern bringe. Ich habe keine Vorstellung, wie viele Tränen, wie lang eine Umarmung, ich habe keinen Mut, das „dann“ in ein „wann“ zu verwandeln. Ich sage nichts, ich schlage vor, dass wir vielleicht Luftballons für den Hund steigen lassen und Zettel mit Wünschen daran hängen, und der Kleine sagt, vielleicht auch ein kleines Würstchen.

Dieses Gefühl, in einem Film zu leben. Der Film würde mit einer guten Nachricht enden, irgendjemand, Frau Merkel vielleicht, im (filmisch gesehen) schlimmsten Fall Herr Drosten, verkündete, Corona sei für immer besiegt. Menschen würden auf die Straße rennen, singen, tanzen, Kinder in den Armen der Großeltern, Liebende wieder vereint, als letzte Einstellung eine Umarmung. Oder eine Totale, in der Menschenmassen auf der Straße zu sehen sind, tanzend. Dieses Gefühl, in einem Film zu leben, aber der Film findet dieses Ende nicht. – 01.04.2020

 

Tag 16 / Dienstag

Einkaufen, das erste Mal seit Tagen, es kommt mir wie ein Ausflug vor. Wie eine Unternehmung, ich ziehe mich an, begebe mich unter Menschen. Ich drücke einen Aufzugknopf, um aus der Tiefgarage in den großen Supermarkt zu kommen, ich drücke ihn mit meinem Ärmel, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt. Ich bin aufgeregt, weil ich Aufzug fahre. Die Einkaufswagen werden von einem Mitarbeiter desinfiziert, einen Euro muss man auch nicht mehr einstecken, ich nehme alles hin, obwohl ich das zum ersten Mal sehe. Als müsste ich den Zeiten nicht mehr hinterher rennen, als wäre Corona Normalität. Die Menschen ganz ruhig, verteilen sich durch den Supermarkt, Klopapier ist auch noch da. In was für Zeiten sind wir denn gelandet, in denen ich das erwähnen muss, dass Klopapier im Supermarkt liegt. Erinnert mich an die Kindheit in der Sowjetunion, da wurden wir Kinder in Supermärkte geschickt, um zu schauen, was es „heute“ gibt, und dann Bericht zu erstatten. Corona: Ich erstatte über meinen Supermarktbesuch Bericht, und überall sterben Menschen.

Es fällt mir auf, es fragen nicht viele Menschen nach der Zeit. Ich lese in den Nachrichten bis Mitte Mai, bis Juni, bis Oktober, verlängert, dehnbare Zeiträume, wir leben alle von Tag zu Tag, nur das Virus breitet sich über Wochen und Monate aus. Ich frage die Kinder nicht, ob sie meinen, dass die Schule nach Ostern wieder beginnt, und ich sage ihnen nicht, was ich meine. Der Kurzzeitblick ist ein Schutzschild, es sind nicht viele, die wir dieser Tage haben. Ich bekomme die Bilder der Flüchtlingslager nicht aus dem Kopf, von diesen Menschenschlangen, die sich anstellen, weil sie sich die Hände waschen wollen. Jeden Tag telefoniere ich mit meinen Eltern, sie suchen einen Sandwich-Macher für mich. Sie wollen mit mir die Vor- und Nachteile verschiedener Modelle diskutieren, und ich will nur, dass er schnell geliefert wird, dann wäre eine Mahlzeit am Tag per Maschine erledigt. Heute rief ich sie beim morgendlichen Laufen an, es waren Minusgrade in München. Hör auf, ihr etwas zu erzählen, ist doch kalt, sie soll nachhause, wies mein Vater meine Mutter im Hintergrund an, die den Hörer in der Hand hatte. Manchmal weiß ich nicht, wer hier auf wen aufpasst, ich suhle mich kurz in diesem Gedanken, einfach nur ein Kind zu sein. – 31.03.2020


Tag 15 / Montag

Heute eine Mail bekommen, die mit den Worten „Es lebe der Optismismus!“ endete, das, dachte ich, nehme ich in den gesamten Tag. In heute, weiter denke ich nicht voraus, der Mittwoch wie in „übermorgen“ scheint mir Ewigkeiten und sehr viele verheerende Nachrichten weit weg. Im Kalender alles bis zum 19. April gestrichen, Christian Lindner spricht von Lockerung der Maßnahmen, ich sehe Frankreich, Italien, die USA in den Nachrichten, ich denke lieber nicht bis zum 19. April. Zeiträume sind wackelige Konstrukte, ich weiß nicht, ob die zwei Wochen seit der Schulschließung schnell oder langsam vergangen sind. Ich höre immer mehr von Kindern, die immer mehr traurig werden, weil die Situation auch für sie anstrengend ist, und ich denke an all jene Eltern, denen niemand die Kraft gibt, die sie brauchen, um liebevoll trösten zu können.

Jetzt klagen alle über das Homeschooling und die Vereinbarung von Lernbetreuung von Kindern und dem Job. Ich klage auch, kann mich nur schwer aufs Schreiben konzentrieren, wenn dazwischen die Frage nach der Rechtschreibung von „Briefe“ kommt, ja, mit ie, und das „habe ich das gestern nicht schon gesagt?“ verkneife ich mir. Ich habe Angst vor dem Danach, ich habe Angst, was geschieht, wenn die Schulen wieder öffnen, und die Bildungsschere, die in Deutschland dafür sorgt, dass die Chancen von Kindern, die nicht aus Akademiker*innen-Familien kommen, an weiter führenden Schulen und Universitäten zu lernen, eh im Verhältnis zu anderen OECD-Ländern auffallend gering sind, noch weiter aufgegangen ist. Weil nicht alle Eltern in der Lage sind, sich mit ihrem Nachwuchs hinzusetzen, Experimente durchzuführen, Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erklären und Deutschaufsätze zu verbessern. Weil sie überfordert sind, weil sie sich mit dem Schulstoff nicht auskennen, weil sie zu viele Geschwisterkinder zu betreuen haben, weil sie krank sind, weil, und die Gründe sind endlos. Die Gräben werden größer, und ich weiß nicht, warum man das zu verhindern versucht, warum man nicht Familien entlastet, die Eltern, die Kinder, weil die Kinder gerade eh am Lernen und die Eltern am Lehren sind: Was ist Verzicht, wie achte ich die Grenzen der anderen, die meiner Geschwister, wie beschäftige ich mich, während Mama in der Videokonferenz hängt, wie mache ich der kleinen Schwester ein Brot, wie helfe ich bei der Wäsche, wie viele selbst gemalte Bilder braucht der Opa, damit er sich nicht alleine fühlt. Wir lernen alle das Leben in Extremsituation, und wir Eltern bringen unseren Kindern bei, nicht zu verzweifeln, indem wir das selbst nicht tun. Ich habe keine Angst, dass meine Kinder Wahrscheinlichkeitsrechnung niemals lernen, ich habe noch nicht einmal Angst vor dem Einmal-Eins. Ich habe Angst vor dem Graben, den wir gerade gesellschaftlich vergrößern, ich habe Angst davor, was mit Kindern überforderter Eltern gerade, heute, jetzt zuhause passiert. – 30.03.2020


Tag 14 / Sonntag

Heute den ersten Corona-Alptraum gehabt, überhaupt so elendig geschlafen. Straßenzüge wurden gesprengt, um das Virus auszumerzen, ich träume Hollywood-Weltuntergangsszenarien, obwohl: Leben wir nicht alle in einem Film? Ich suchte nach meinem Auto in den gleich zu sprengenden Straßenzügen. Wenn ich wach bin, mag ich Autofahren nicht, aus sehr vielen verschiedenen Gründen, die Vorstellung ist absurd, dass ich mein Auto verzweifelt suchen würde, eher noch meinen Roller. Aufgewacht, nicht gewusst, ob ich weiter schlafen soll, als wäre das eine freie Entscheidung. Die freien Entscheidungen sind wie eine Erinnerung in Watte, sie sind in Nebel getränkt. Mit Rückenschmerzen aufgestanden, das ist so etwas schön Fassbares, wenn der Rücken schmerzt.

Die Texte tippe ich schnell, die Buchstaben springen aufs Papier, unerzogene, schnappende Welpen, ich lese nichts Korrektur, weil Korrekturlesen keinen Sinn zu machen scheint. Ich erinnere mich an langsames Schreiben, das Nachdenken über jeden Satz, über die Freundschaften und Feindschaften von Worten. Vielleicht wäre genau jetzt dafür die Zeit, ich möchte den Texten Liebe geben, Geduld und die Ruhe zu werden. Andererseits versuche ich den ganzen Tag, den Kindern Liebe zu geben, den Eltern, mit denen ich täglich telefoniere, viel häufiger als in den Jahren zuvor, wofür ich mich jetzt natürlich schäme, Klischees, die sich ins Leben drängen. Liebe nach unten geben, nach oben, zur Seite auch, es bleibt nicht viel übrig für einen selbst. In anderen Zeiten, denke ich, ohne Zeit in Zeiträume zu fassen, ich passe auf die Sätze eines Tages wieder auf.

Begriffe staple ich aufeinander, diese Begriffe der Corona-Zeit. Social Distancing, Kontaktverbot, Ausgangssperre, Worte, die Grenzen erzählen, Worte, die zwischen die Menschen gestellt werden, man sagt, um die Menschen eben zu retten. Diese Ambivalenz macht sich im Kopf breit, nimmt sich Raum, aber schafft es nicht bis den Gefühlen hindurch. Der Stapel der Begriffe wächst. Irgendjemand, meist aus der Poltiker*innen-Riga sagt neuerdings immer wieder „Krieg“. Sie nehmen sich das Wort einfach aus der Sprache heraus, klemmen es sich unter den Arm, um es in einen fremden Zusammenhang zu stellen. Sie haben nicht um Erlaubnis gefragt, all jene, die tatsächlich Kriege erlebt haben, all jene, die traumatisiert worden sind. Irgendjemand wird jetzt sicher sagen, mein Gott, warum denn schon wieder empfindlich.

Ich merke mir eine gute Sache am Tag, und ich esse Unmengen von Keksen, denen mit dunkler Schokolade, so ein bisschen mit diesem abstrusen Gedanken, ist jetzt auch egal, wenn die Welt untergeht. Portugal legalisiert Migrant*innen ohne Papiere, um ihnen einen Zugang zur Gesundheitsversorgung und sozialen Leistungen zu ermöglichen, es geht auch so. Es geht auch so, wie Adidas und H&M es machen, es ist, als würde die Corona-Krise die Innereien nach außen stulpen. Das Schöne, das Schlimme, all diese kreischenden Ichs.

 

Tag 13 / Samstag

Gestern Abend habe ich beim Scrabble verloren. Ich war ganz lange am Gewinnen, und dann, dann zog meine Freundin plötzlich an mir vorbei. Es ist das Verlieren, das beim Aufwachen hilft: Zumindest denke ich nicht nur an Corona. Ich denke über Worte mit „ü“ nach, und wie man vier „n“‘s auf einmal legen kann. Ich denke an meinen Vater, wie wir auf langen Zugfahrten Scrabble spielten. Wie er mich niemals gewinnen ließ, wofür ich ihm erst heute dankbar sein kann, früher nicht.

Gestern Abend die Tagesschau geguckt und das Corona-Extra. Frankreich, New York, überforderte Ärzt*innen, Hubschrauber, die Menschen in andere Krankenhäuser fliegen. Abstruse, sehr eigene Ängste: Ich habe Flugangst. Ich will mich einem Hubschrauber nicht einmal nähern müssen. Ich habe auch Angst vor Spritzen, ich weiß, wie irrelevant das klingt. Ich möchte diese Gedanken nicht haben. Dann: Das Bild einer Sporthalle, in der die Bundeswehr gründe Feldbetten aufstellt, erinnert mich sofort an die Bilder aus China. Die habe ich, ergraust, gesehen, gelitten, und damals gedacht, dass das China ist. Als lebten wir in einer anderen Welt.

Ich überlege, eine Liste von Dingen zu erstellen von Dingen, die ich nach Corona machen möchte, von Menschen, die ich drücken möchte, von allem, was vor drei Wochen noch so selbstverständlich war. Ich mache keine Liste, weil ich immer diesen Satz höre, von Politiker*innen und Expert*innen, von scheinbar jedem*r, den*die ich in der Tagesschau sehe, dass das Schlimmste noch kommt. Ich habe Angst davor, mich in einer Woche für diese Liste zu schämen.   

Ich habe seit Jahren keine Party mehr gefeiert. Hauptsächlich, weil ich viel zu viel darüber nachdenke, wie es denen, die ich einladen würde, gehen könnte. Was, wenn sich jemand langweilt, und was, wenn die Leute nicht ins Gespräch kommen, und was, wenn zu wenige kommen, und was, wenn gar niemand kommt, und ich kenne zu viele Leute aus zu unterschiedlichen Kontexten, und überhaupt ist die Wohnung zu klein, und was, wenn ich zu wenig Essen zubereitet haben werde, und, was, wenn die Leute nur kommen, weil sie sich verpflichtet fühlen, und ich stelle mir vor, wie ich durch die Wohnung renne und bei jedem Gespräch aus den Augenwinkeln beobachte, ob sich jemand unwohl fühlen könnte, und feiere eben nicht. Aber wenn das hier vorbei ist, wenn das vorüber ist, diese große C-Krise, wenn wir uns wieder sehen und umarmen dürfen, wenn wir keine Videochats mehr brauchen – ich will nie, nie, nie wieder skypen -, dann mache ich eine große Party, und ich lade alle ein, und es ist mir egal, ob es genug zu essen gibt, und wenn sich zu viele auf einmal in ein Zimmer quetschen, es ist dann alles egal, weil wir einfach beieinander sein dürfen.

Gestern Abend hat die Tagesschau, oder waren es die Tagesthemen, weil auch Nachrichten in diesen Tagen zu der einen ewig währenden einen Nachricht verschwimmen, einen Beitrag gebracht über die Konflikte, die nun in den Familien schwelen, darüber, dass die Krise auch für Kinder schwierig ist. Zu sehen waren Kinder im hauseigenen Garten, die vor einem Trampolin standen und über Langeweile klagten, der Beitrag dauerte sicher über eine Minute, eine Minute, die hoffentlich nicht all jene Kinder sehen, die keinen Trampolin haben, auch keinen Garten, die sich auf wenige Quadratmer quetschen und Angst vor Schlägen haben, wir haben das ja alle in den letzten Tagen gehört, dass die Zahl an Gewaltverbrechen in den Familien exponentiell steigt. Da draußen ist Corona, aber wir vergessen immer noch zuverlässig, wie privilegiert wird sind. – 28.03.2020

 

Tag 12 / Freitag

Alles hämmert, alles hämmert in meinem Kopf. Gedanken, Nachrichten, in gereizte Sätze verfrachtete Ängste. Überforderung, die sich über einem Computerprogramm, das nicht starten will, entlädt. Fast 4900 Tote in Spanien, heute morgen habe ich herum gebrüllt, ohne eigentlichen Grund, vielleicht, weil ich die Stille vermisse. Vielleicht, weil ich Menschen vermisse, vielleicht, weil der Unterschied zwischen beiden verschwimmt. Boris Johnson wurde positiv auf Corona getestet, ich kann die hämischen Kommentare vor mir sehen, ich reiße die Fenster auf, als käme durch die Fenster die alte, die gute Welt.

Abends koche ich alleine, obwohl es pädagogisch und auch sonst aus sicherlich noch mehr Gründen sinnvoll ist, die Kinder die Karotten schnippeln und die Kartoffeln schälen zu lassen, ich koche alleine, das ist meine Zeit. Ich schnipple alleine Karotten, Ärzt*innen müssen entscheiden, wen sie weiter beamten, der deutsche Ethikrat äußerte sich auch schon dazu. Es macht keinen Sinn, Karotten zu schneiden, in New York sind sie auch schon krankenhaustechnisch überfordert. Es macht ein wenig Sinn, sie später zu essen, weil wir Freunden eingeladen haben, die wir über einen Handbildschirm sehen, wir haben das Handy auf einen Bücherstapel und auf die Bücher eine Zwieback-Packung gestellt. Sie sehen so klein aus im Handy, und wir wahrscheinlich auch. Ich fühle mich dieser Tage auch klein, obwohl ich groß sein muss, erwachsen, irgendwie größer als sonst.

Fast 4900 Tote in Spanien, und Adidas zahlt die Miete nicht mehr, und irgendjemand denkt, das alles sei irgendwie bald vorbei. Ich bin zu müde, um darüber zu lachen, ich habe gestern mit jemandem gesprochen, der in der gemeinsamen Wohnung seinem Freund aus dem Weg geht, weil der Asthma hat, sie essen nicht mal mehr zusammen. Was uns alle vereint in diesen Tagen: Das Aufwachen und Denken, dass alles vielleicht ein Alptraum war. Ich denke, dass uns das vereint, was weiß ich schon von anderen Menschen.

Was weiß ich schon von jenen, die in viel kleineren Wohnung mit viel mehr Menschen zusammen gepfercht sitzen, die vielleicht gar keine Wohnung haben. Mir ist es zum Fahrradfahren zu kalt, also schicke ich die Kinder alleine raus vor die Tür, und denen ist es zum Leben zu kalt. Was weiß ich schon von jenen, die vielleicht gerade geschlagen werden, wir wissen alle, die Konflikte nehmen dieser Tage zu – ich habe heute morgen die Kinder angebrüllt -, ich habe gelesen, auch die Gewaltbereitschaft. Was weiß ich von jenen, die im Dunkeln aufwachen, weil in ihnen alles dunkel ist, was weiß ich schon von jenen mit dieser Volkskrankheit Depression, was weiß ich, ob Dunkelheit schwärzer werden kann mit Corona. Was weiß ich über Einsamkeit, über die Verzweiflung, bis die Hand zum Hörer greift, um Fremde bei der Telefonseelsorge anzurufen. Was weiß ich schon von sterbenden Menschen, was weiß ich schon, ob ich das hier überhaupt schreiben darf und soll, ob Schreiben nicht an Sinn verloren hat in den letzten Tagen.

Gestern wurde der Hund meiner Eltern eingeschläfert, Fremde haben ihn zum Tierarzt gebracht. Nette Leute, die Zettel mit Hilfsangeboten aufgehängt hatten, wie wir, meine Mutter rief sie an. Ich hänge solche Zettel aus, und meine Eltern, beide krank, beide alt, beide Risikogruppe, beide ohne mich, und plötzlich so weit weg, schreiben sich Nummern von solchen Zetteln ab. Rufen an, bitten um das Schrecklichste, den sehr alten, sehr kranken Hund zum Tierarzt zu bringen. Sie küssen ihn zuhause zum Abschied, ich stelle es mir vor, obwohl ich es mir nicht vorstellen möchte, obwohl ich es muss, sie können nicht raus, das C-Wort. Die Einsamkeit in der Wohnung meiner Eltern, die karierte Decke des Hundes, ich höre auf, mir etwas vorzustellen. Die Einsamkeit hämmert vermutlich auch. – 27.03.2020


Tag 11 / Donnerstag

Vorgestern, als wir mit dem Rad unterwegs waren, frische Luft schnappen, es war viel zu kalt, aber wen kümmert schon Kälte in diesen Zeiten, brüllte ihre Mutter ihr Kind auf der Straße an: Ich will dich heute weder sehen noch hören! Eines der Kinder erschrak sich, wusste aber aus den Kindernachrichten schon Bescheid, dass jetzt Konflikte in den Familien drohen, jeder Raum zu eng, die Decken neigen sich gen Köpfe. Die kleinen Alltäglichkeiten bergen Reizpotential, und irgendwo müssen sich Sorgen ja entladen.

Meine Tante in Russland, wo die Zahl der Corona-Erkrankungen angeblich verhältnismäßig gering ist, aber wer will das schon glauben, bis auf die vielen Millionen Russen, erzählt, die Lage, die in der Welt, die sei ja gar nicht so schlimm. Alles nur Panik, die Panik habe Merkel erfunden. Meine Mutter legt auf mitten in diesem Gespräch.

Ich laufe durch die Wohnung, wirr, ebenso wirr sind meine Gedanken. Ich denke den nächsten, aber nicht weiter als den. Ich denke nicht in Tagen, nicht in Wochen, das ist Überlebensinstinkt. Ich bestelle Bücher für andere Menschen, für Kinder, für Freunde, ich schaue nicht aufs Geld. Ich lese nicht, ich bin zu unruhig, mache mit mir selbst zehn Seiten aus, ich zwinge mich neuerdings zum Lesen. Zehn Seiten am Tag, als stünde Lesen auf der To-Do-Liste. Nächte sind die einfachsten Stunden.

Niemand fragt nach der Zukunft, alle fragen nach dem Tag. Meine Freundin schreibt, sie möge nicht mehr aufwachen, weil dann der Alptraum ist. Jemand anders postet von Panik-Attacken, und viele sprechen einfach von schlechten Tagen. Am Telefon erzählt mir jemand, dass sein Freund in Algerien stecke und nicht hinaus komme, und auf Twitter schlägt jemand vor, die Eltern mögen doch alle um 19.30 Uhr auf den Balkon gehen und laut schreien, man könne das ja als Solidarität gegenüber jemandem benennen. Ich lache endlich, laut, manchmal lache ich den Kindern zuliebe über die Sprechblasen, die sie mir begeistert in Comics zeigen. Ich höre nicht mehr zu.

Auf gesellschaftlicher Ebene spricht man endlich darüber, was systemrelevante Berufe sind, wer unterbezahlt wird, und zwar gehörig, auch über den Anteil von Frauen in diesen Segmenten. Als hätte Corona was Gutes, hat es aber nicht. Es fällt mir schwer, Zusammenhänge zu bilden. Zu den guten Dingen gehört die erstaunlich gute Laune der Kinder, die zwei Stunden zwischen sechs und acht Uhr früh, in denen ich in Ruhe am Schreibtisch sitze, der Nudelauflauf von gestern. Zu den erschreckenden Dingen gehört auch das noch permanentere und penetrantere Vorhandensein technischer Geräte im Alltag.

Zwischendrin, während ich so durch unsere nicht so große Wohnung irre, fällt mir ein, dass ich einen Roman schreiben wollte. Irgendwann, vor nicht allzu langer Zeit. – 26.03.2020

 

Tag 10 / Mittwoch

Und dann ist Corona plötzlich da. Nicht als gefährliche Wolke, nicht mehr unsichtbar, kein Wort mehr, sondern ein Zustand. Es beginnt mit einer Mail, die von einer Bekannten kommt, sie und ihr Mann haben Corona. Letzte Woche, auf einer Party, sie beschwert sich über das Gesundheitsamt, das sie beim Verdacht mehrere Tage lang nicht erreichte. Aus Berlin höre ich von einer Freundin, sie kenne schon viele, da ist es in München noch ruhig, da blicken wir noch auf die Straßen hinaus, wie viele sind denn da, wie viele trauen sich noch auf die Straße. Und dann, es kommt ganz plötzlich, trifft es so viele um einen herum. Ein Vater im Krankenhaus, ein Schwiegervater, der beatmet werden muss. Ganze Familien, die das Virus erwischt. Dazwischen freue ich mich über gefüllte Paprika im Tiefkühlfach von meiner Mutter, eine Mahlzeit weniger, die gekocht werden muss. Als ich wieder auf das Telefon blicke, ist jemand aus der Familie einer Freundin an Corona gestorben. Draußen scheint die Sonne, aber ich stelle es mir immer noch kalt vor, so kalt wie gestern.

Den Kindern sage ich nichts, meinen Eltern sage ich nichts, ich schreibe auch niemandem. Die Menschen machen das so gut sie können, ich sehe das und versuche, es ihnen zu sagen, dass sie das gut machen. Wir halten uns alle wacker, irgendwie. Jetzt schreibe ich darüber, zwischendrin blicke ich auf mein Konto wegen dieser Soforthilfe Bayern, die irgendwann kommt, aber offensichtlich nicht sofort. Ich bin zu müde, um mich zu ärgern, ich fände es unfair irgendwie. Ich dachte nie, dass ich das sagen würde, aber ich nehme an, Söder macht es ebenfalls so gut, wie er kann, irgendwie. Irgendwie, auch so ein Wort dieser Tage.

Ich habe ein Wörterbuch der neuen Worte: Kontaktverbot, Ausgangssperre, Risikogruppe. Ich schreibe sie in rot untereinander, und manchmal starre ich die Seite nur an. Wir haben alle schlechte und bessere Tage, und irgendwann wird der Frühling wieder kommen, und draußen vor dem Fenster macht eine Frau Sport bei uns im Kopf, sie hat zwei Bälle und eine Isomatte dabei. Ich winke ihr zu, ich habe sie noch nie vorher gesehen. Sie sieht mich nicht, sie macht Kniebeugen, und ich zähle hinter der Fensterscheibe mit. Eins, zwei, drei, vier und so weiter. – 25.03.2020


Tag 9 / Dienstag

Während ich schreibe, erzählt mir die Tagesschau-App etwas über die Ausgangssperre in Großbritannien, und nebenan skypen die Kinder mit einem Freund und verabreden sich zu einer Kuchen-Konferenz um vier. Wir essen Kuchen in unserer Küche, seine Mutter und er essen einen – anderen – Kuchen in ihrer Küche, über einen Videochat schauen wir uns dabei zu. Unser Kuchen stammt vom Bäcker, ich backe nicht. Eines der Kinder backt außerordentlich gerne, aber danach müsste ich die Küche aufräumen, und es ist gerade alles ein einziges Muss. Ich träume davon, dass sich Nachbarn gegenseitig Essen vor die Tür stellen; man kocht ja eh. Es wäre allen damit geholfen, den Eltern, die Kinder, Arbeit, Haushalt, vielleicht sogar alleinerziehend, unter einen Hut bringen müssen, allemal; die Älteren freuen sich erst recht über diese Gesten. Und freuen wir uns nicht letztendlich alle, halten wir uns nicht an ihnen fest, an den guten Gesten dieser Tage? Vielleicht träume ich auch nur von Kuchen vor meiner Tür.

Morgen bin ich mit meinem besten Freund zu einem Bier verabredet. Wir treffen uns gegen neun. Ich habe gestern gelernt, dass es im Norwegischen ein Wort gibt für Draußen-Bier. Wir treffen uns auf ein Video-Bier, und es wäre ein schlechter Witz, wenn ich sagen würde: Ein Corona-Bier. Mein Sohn bietet mir an, ein Löwenbräu-Fass zu basteln, dann sieht es wie in einer Kneipe bei uns. Zum Scrabble-Spielen bin ich auch schon verabredet, ich habe quasi beinahe schon Freizeitstress. Ich sehe keine Menschen. Die Menschen, die ich sehe, sind Familie, oder Menschen, die ich durch Plastik oder Glasscheibe sehe. Manchmal sitze ich wie der Hund früher auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer und sehe den Menschen draußen zu.

Bei Facebook rechnen welche immer wieder aus, warum die Ausgangsbeschränkung keinen Sinn macht, wie gering doch die Erkrankungszahlen in Korrelation zu den Bevölkerungszahlen sind. Ich nehme mir nicht mehr die Zeit, diese Statements durchzulesen. Wir sind heute Fahrrad gefahren, es war so kalt, dass eines der Kinder meinte, zum Eisblock zu werden, ein Polizist winkte uns aus dem Auto zu. Bei einem Bäcker ein Schild, das besagte, dass Pflegekräfte, Polizisten und Ärzte einen Kaffee kostenlos bekommen, ich sagte ja schon, diese kleinen Gesten. Während ich das schreibe, haben die Kinder aufgehört zu skypen, sie spielen jetzt Herrchen und Bernhardiner. Der Bernhardiner, höre ich, möchte raus und darf nicht, ich weiß nicht, vielleicht haben die im Spiel auch Corona, vielleicht ist Corona jetzt sogar in Fantasie. – 24.03.2020

 

Tag 8 / Montag

Und dann ist Montag, der zweite, also der zweite Montag im Ausnahmezustand, und ich wache wie immer – wie immer seit Corona – um kurz vor sechs auf und springe wie immer – wie immer seit Corona – hellwach auf, und greife wie immer – wie immer und so weiter – als Erstes zur Tagesschau-App. Es ist, stelle ich erstaunt fest, ein Alltag.

Es gibt eine neue Zeitrechnung für mich, vielleicht für uns alle. Es gibt ein Früher, es gibt das, was normales Leben war: Am Montag wollte der Kleine nicht zur Schule. Wenn die Tür morgens hinter den Kindern ins Schloß fiel, war ich erleichtert, ich eilte zum Schreibtisch, zu Terminen. In diesem Früher konnte ich schnell in dieses südindische Restaurant, in dem ich das Gericht Nr. 97 so sehr liebe, ich konnte mir einfach sagen: Heute war ein doofer Tag, das habe ich mir jetzt verdient, dieses leckere Auberginen-Essen, und Nan-Brot und Raita noch dazu. In diesem Früher saßen wir bei schönem Wetter draußen in der Sonne und so weiter, aber das haben wir in den vergangenen Tagen alle schon oft genug gesagt. Es gibt ein Danach: Ich habe jetzt eine Nach-Corona-To-Do-Liste. Sie wird mit jedem Tag länger, sie ist mit Dinge gefüllt, für die ich andere Menschen brauche, sehen muss. Es gibt das Jetzt, und das Jetzt ist irgendwann in der letzten Woche zum Alltag geworden.

Ich stehe auf, ich sehne mich nicht mehr nach Terminen, die Kinder motzen, warum sie die Schlafanzüge nicht anbehalten dürfen, ich antworte, weil heute Schultag ist, und zeige auf unsere Schule: Der Küchentisch, einen Meter entfernt. Wir bleiben zuhause, gehen vielleicht kurz raus, ich jogge, die Kinder rollern neben mir. Auch das ist Corona: Ich jogge eigentlich nicht. Das Telefon, Skype stehen nicht still, sie sind jetzt meine besten Freunde. Einen der Kinder verabrede ich mit dem Großvater zum Schachspielen per Skype. Die Nachrichten ziehen sich durch den Tag, und jedes Mal, wenn jemand im Kommunikationskreis hustet, sagt jemand anders das C-Wort. Heute ist Montag, und der Montag, an dem wir nicht ohne triftigen Grund das Haus verlassen dürfen, an dem wir uns von Menschen, die wir mögen, fern halten sollen, der scheint mir plötzlich, ein normaler Montag zu sein. Es beginnt gerade die zweite Ausnahmewoche. – 23.3.2020

 

Tag 7 / Sonntag

Als ich heute aufstand – schon wieder zu früh – lag Schnee draußen auf der Straße, vorgestern war ich im T-Shirt Fahrrad gefahren. Mittags strahlend blauer Himmel, die Sonne schien, das sichtbare Wetter weigerte sich, den Temperaturen zu entsprechen, aber auf den Autos lag noch Schnee. Als wollte der Wettergott sich dem Surrealismus, der die Welt beherrscht, anschließen, und an der Isar Massen von Menschen. Spazieren gehen ist erlaubt, sie gingen und joggten in kleinen Grüppchen, Familien, Kleinkinder, die auf Laufrädern voran „sausten“, Ehepaare, die sich unter hackten, als liebten sie sich immer noch, vielleicht liebten sich einige von ihnen in diesen beängstigenden Zeiten wieder. Gegensätze, die sich nebeneinander drängen, der plötzliche Frühling, der Schnee, das Klopapier, die Nudeln.

Draußen, an unserer Haustür hängen inzwischen mehrere Zettel, Hilfsangebote an ältere Menschen. Wir hatten auch schon am letzten Wochenende welche überall in den umgebenden Straßenzügen verteilt, an Ampeln, Hauseingängen und Litfaßsäulen. Die Kinder warteten erst ungeduldig und dann enttäuscht vor dem Telefon, es gab einen einzigen Anruf. Ein Mann, der Stimme nach so jung wie ich, er wollte sich im Namen der älteren Bürger*innen bedanken und wissen, ob er seine Nummer drunter schreiben dürfe, dann verteilten wir die Aufgaben vielleicht unter uns. Solidarität und Nachbarschaftshilfe, Kultureinrichtungen, die ihre kulturellen Angebote wie Theatervorstellungen, Lesungen, Konzerte kostenlos online stellen, in der Hoffnung, dass die Kunst gegen Einsamkeit und Ängste hilft. Man sollte die Alten und die Kleinen miteinander vernetzen, Senioren, die Schüler*innen per Video geholfen, damit wäre allen Altersgruppen geholfen, den zwischen Homeoffice, Homsechooling und dem Home, in dem gekocht, geputzt, aufgeräumt werden muss, aufgeriebenen Eltern allemal.

Auf der anderen Seite Menschen, die sich wegen Klopapier schlagen, tatsächlich schlagen, im buchstäblichen Sinne: Fäuste, die trotz aller Appelle, Distanz zu halten, fremde Haut treffen, weil jemand eine Packung Klopapier hat. Rechte Bewegungen, die die Corona-Krise nutzen, um weiteren Hass zu schüren, dieses alte Motiv: Mit dem Finger auf Minderheiten zeigen, ein Sündenbock frei Haus. In Ungarn nutzt Viktor Orbán den Moment, um eine Diktatur zur etablieren: Er will das Parlament in die Pause zwingen, um selbst per Dekret zu regieren. Auch ein altes Motiv, Autokraten, die gesellschaftliche Krisen ausnutzen. Morgen, habe ich gehört, soll die Sonne wieder scheinen, und wir werden sehen, was sich wieder verschiebt. – 22.3.2020

 

Tag 6 / Samstag

Der Hund meiner Eltern stirbt. Er stirbt langsam, hat aufgehört zu fressen, stöhnt. Mein Vater kocht ihm ein Huhn, versucht, ihn stückchenweise zu füttern. Mein Bruder hat das Huhn vor die Tür gestellt zusammen mit anderen Einkäufen. Meine Mutter streichelt den Hund, er ist wie Oma, als sie starb, sagt sie am Telefon zu mir. Sie weint, ich sitze auf dem Fahrrad, es regnet auf mich herab. Es ist mir egal, dass es regnet, ich bin froh, aus dem Haus zu kommen. Das ist Sport, das darf ich. Telefoniert Ihr viel, frage ich meine Mutter. Mit anderen, meine ich, mit anderen in Eurem Alter, die auch alleine zuhause sitzen, die auch Essen vor die Tür gestellt bekommen, im besten Fall. Nein, sagt meine Mutter, es haben alle keine Kraft, es sind alle verzweifelt. Ob sie mit den Enkeln über Skype lernen soll, fragt sie. Ich traue mich nicht zu fragen, wie das jetzt mit dem Einschläfern wäre, meine Eltern, beide über siebzig, können mit ihm nicht zum Tierarzt dieser Tage. Wir denken nach, sagt meine Mutter, wir denken nach. Als ich auflege, kann ich nicht aufhören zu weinen.

Der Vater meiner Freundin rebelliert. Er liegt alleine zuhause, er wurde vor kurzem am Fuß operiert. Auch sie stellt ihm Essen vor die Tür. Aber warum, will er wissen, wenn alle von anderthalb Metern Abstand reden, warum kannst du dann nicht herein kommen, drei Meter Abstand halten, dann bin ich nicht allein. Er nennt sie „panisch“, er will nicht allein sein über Woche. Gestern haben die Jungs, die draußen Fahrrad fahren waren, mir irgendwas von einem „Opa mit seiner Enkelin“ erzählt. Wenn ich morgens aufwache, denke ich als Erstes Corona, dann an meine Eltern.

Die letzte Veranstaltung, die ich durchgeführt habe, war eine Schreibwerkstatt mit Senioren. Alles andere war bereits abgesagt worden, und deshalb fragte ich am Tag der Veranstaltung vormittags vorsichtshalber noch einmal nach: Wirklich, soll ich nachher kommen? Ja. Sie kamen alle, diese Senioren, sie waren aufgedreht und freudig, sie waren wie Figuren aus einer Comedy-Serie, in die man sich sofort verliebt. Sie bestanden darauf, mir die Hand zur Begrüßung und zum Abschied zu geben, und hatten Kekse und sogar einen Kuchen dabei. Sie regten sich wahnsinnig über das viele Plastik in den Supermärkten auf, und eine zeigte Einkaufstaschen, die sie aus alten Vorhängen der Schwiegertochter näht. Einer kam mit dem Fahrrad, und alle hatten sie Angst. Keine*r von ihnen hatte Angst vor Corona, aber alle hatten sie Angst vor der Isolation. Davor, alleine sein zu müssen, eine hatte einen festen Enkelinnen-Tag. Sie sprachen viel von sozialen Kontakten, da war Social Distancing noch kein so häufig verwendeter Begriff. Ich verließ die Veranstaltung gut gelaunt, es war so gut, dass sie ihren Lebensgeist mit mir teilten. Eine von ihnen hatte auch einen Hund, und eine andere hatte eine Geschichte über einen Hund geschrieben. Ich sage mir, sie hat ihr Leben gelebt, sagt meine Mutter über den Hund, und später sagt sie das über sich und meinen Vater, wir haben unser Leben gelebt. – 21.3.2020

 

Tag 5 / Freitag

Es klingelt an der Tür, wir frühstücken noch. Wir frühstücken, es ist nach elf, wir frühstücken nicht deshalb so spät, weil wir etwa ausgeschlafen haben, es ist kein gemütliches Sonntagsfrühstück mit Waffeln. Die Zeiten sind durcheinander geraten, die Tage übrigens auch. Ich muss nachschauen, um zu wissen, ob heute ein Mittwoch ist oder ein Freitag. Drei Mahlzeiten am Tag überfordern mich komplett, um mal banalen Alltag zu erzählen. Ich bestelle nichts, aus finanziellen Gründen, aber auch weil auch das soziale Kontakte bedeutet: Irgendwo schwingt sich ein Lieferant aufs Fahrrad, begegnet unterwegs Menschen, übergibt mir an der Tür das Essen. Aber ich träume, heimlich, während ich Tiefkühlgemüse in die Pfanne schmeiße – nicht schon wieder was schnippeln – vom indischen Essen. Ich träume davon, in einem Restaurant zu sitzen, irgendjemand, der*die mir zubereitetes Essen bringt.

Es klingelt an der Tür, das große Kind und ich springen beide auf, Besuch sind wir nicht mehr gewohnt. Bleib sitzen, fauche ich ihn an, und er blickt mich erschreckt an, warum darf ich denn nicht an die Tür. Weil das ein Kontakt weniger ist, wie sich Corona durchzieht durch unbedeutende Bewegungen, durch alles, durch den Ganz durch den Flur zur Wohnungstür. Der Postbote kommt nicht die Treppe hoch, steckt mir von unten das Päckchen entgegen. Lächelt, er muss und er will wahrscheinlich auch nicht mehr erklären.

Was ist das, rufen die Kinder, die brav und vielleicht etwas verängstigt in der Küche sitzen geblieben sind. Ein Paket, für mich. Ich reiße es auf, ein Buch, ein Entspannungsbad, Schokolade. Ein Corona-Krise-Care-Paket steht auf der Karte, und ich freue mich, wie ich mich seit wann, seit einer Woche, seit zehn Tagen nicht mehr freute. Für diesen einen kurzen Moment, in dem ich das Geschenkpapier noch nicht aufreiße, und die Kinder neben mir auf- und ab hüpfen, willst du nicht sehen, was für ein Buch, weicht alles von mir ab. Die Sorge, die um meine Eltern, die per Sprachnachricht zurecht über Einsamkeit klagen, um alle mit Vorerkrankungen, alle Älteren, die ich kenne, um die Geflüchteten an der Grenze, um Italien, um – und das ist noch nicht einmal eine Übertreibung – die ganze Welt. Die Sorge um die Finanzen – heute wurde die erste Veranstaltung im Juni abgesagt, die Müdigkeit, die sich ergibt, wenn man diese Sorgen mit dem Alltag mit den Kindern, dem Homeschooling, der Arbeit, dem Haushalt, dem Alleinsein mit allem multipliziert. Für den einen Moment ist alles kurz weg, ich reiße das Geschenkpapier auf. Ich stapele das Buch auf die anderen neben dem Bett: Ich werde sie irgendwann lesen, wenn die Müdigkeit und die Sorgen verschwinden. – 20.3.2020

 

Tag 3 / Mittwoch

Wenn die Welt eine andere wäre, also wenn die Welt so wäre, wie sie es vor kurzem noch war, wenn Corona ein Bier-Wort wäre, oder vielleicht gar kein Wort, dann würden wir alle, dann würde auch ich, dann. Dann wäre ich jetzt draußen, in der Sonne, dann würde ich jetzt wahrscheinlich an einer Rede schreiben zur Münchner Woche gegen Rassismus, ich würde über die Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze schreiben, über Grenzüberschreitungen in der Sprache, und wie sie sich mit der Zeit in Gewalt manifestieren. Ich würde um einen Aufschrei bitten. Ich habe die Rede heute auf fünf Sätze reduziert, die in einer Pressemitteilung erscheinen, Worte, die per Mail versandt werden, anstatt einer Auftaktveranstaltung mit Menschen. Ich habe Corona in die fünf Sätze eingebaut, ich habe sie einbauen müssen.

Denken, sprechen, arbeiten in Zeiten von Corona. Alles wird anders, der Alltag, der Bewegungsraum, das öffentliche Leben – heute Menschen mit Gummihandschuhen gesehen -, bevor es vielleicht kein öffentliches Leben gibt, bevor wir in unseren Wohnungen und Häusern verschwinden. Heute Abend hält Angela Merkel eine Fernsehansprache, ein wenig wie in amerikanischen Filmen, in denen die Welt untergeht. Weil ein Virus zum Beispiel herum schwebt, zum Beispiel.

Arbeiten in Zeiten von Corona: Wenn die Welt eine andere wäre, wenn Corona ein Bier-Wort wäre, würde ich, nachdem ich die Rede geschrieben habe, mich wieder dem Kindertheaterstück widmen, an dem ich mit dem Pathos-Theater zusammen arbeite. Ich würde, etwas ängstlich, ins Theater marschieren, ängstlich, weil diejenigen, mit denen ich zusammen arbeite, meinen Text auseinander nehmen, und froh, weil da Menschen sind, die meinen Text auseinander nehmen, dass wir zusammen etwas erarbeiten, dass ich nicht alleine am Schreibtisch eine Welt erschaffen muss, die später kleine, wichtige Zuschauer*innen sehen. Wir waren gestern zum Arbeiten verabredet, wir trafen uns auch um die verabredete Zeit. Um zwölf, auf dem Bildschirm. Es dauerte, bis wir es raus hatten, wie man das macht, dass man alle drei aus der Videokonferenz im gesplitteten Screen sieht. Wir arbeiteten zu viert, es waren außerdem – kurzzeitig – dabei: Ein Kind mit Schnuller, eines, das sich im Hintergrund versteckte, ein Kind, das fast kein Kind mehr ist, und sich kurz hinunter zum Bildschirm beugen musste, um Hallo sagen zu können, ein paar Kinder, die irgendetwas zu teilen versuchten, mein Sohn, der sich an meinen Hals hängte, um alle Teilnehmerinnen des Gesprächs sehen zu können, und mein anderer Sohn, der sich im Hintergrund so vorbei schlich, dass niemand ihn sah. Wir gaben einander Hausaufgaben auf, um weiter machen zu können, damit es weiter geht, das Arbeiten in Zeiten von Corona. Damit am Ende ein Theaterstück entsteht. – 18.3.2020

 

Tag 2 / Dienstag 

Um vier Uhr morgens aufgewacht, Nase zu. Aber Nase schon seit zwei Wochen zu, das muss man dieser Tage ja dazu sagen, dass es kein Corona gibt. Wie früher, nein, Mama, ich habe nicht, und dann kamen, wenn ich darüber nachdenke, lauter Lügen. Heute nicht, heute ist es eine handelsübliche Nasenverstopfung, sie weckt mich, trockener Rachen, Wasserglas holen, Fenster auf, Nasenspray suchen, wach.

Vier Uhr morgens mag eine gute Zeit gewesen sein, um wach zu sein, früher, als man so lange aufgeblieben ist, das war vor den Kindern und diesem verdammten Ernst des Lebens, es ist keine gute Zeit um aufzuwachen. Sich im Morgengrauen erinnern, Corona. Sich im Morgengrauen an den Fehler von gestern erinnern, mit Nachrichten ins Bett zu gehen. Apokalypse pur, geschlossene Grenzen, Ausgangssperren, wilde Verschwörungstheorien, wie die Juden, die Chinesen, die Geflüchteten, die Sonst-Wer schuld seien an dem Virus, die Suche nach Klopapier, die gefährlichere Suche, die nach Opfern für Hass. Ängste, die aus Menschen – ich wollte Tiere schreiben, aber ich weiß nicht, ob der Vergleich hinkt – also was machen, Wesen, die sich gegeneinander richten. Ich, ich, ich, und noch mal Ich, in Großbuchstaben, aber vier Uhr morgens ist keine gute Zeit, um aufzuwachen. Dann denke ich noch an das Gesundheitssystem in den USA, und an Menschen, die gerade nicht nachhause dürfen. Ich kenne das nicht, Angst vor den Nachrichten haben.

Um sieben Uhr aufgewacht, Schritte im Flur, Nase immer noch zu. Griff zum Handy, eine neue Sucht, mit Nachrichten ins Bett, mit Nachrichten die Nacht durchmachen, mit Nachrichten aufwachen. Als wären sie ein Mensch. Lesen, entweder anders lesen, oder selektive Wahrnehmung oder was das ist. Hilfsangebote, überall. Student*innen, die Abiturient*innen online unterrichten wollen. Künstler*innen aller Sparten, die der Videoübertragung Kultur zu den Menschen bringen wollen. Nachbarschaftshilfe, jemand bittet sogar eine Packung dieses berühmt-berüchtigten Klopapiers an. Jemand anders postet einen Link zu Online-Kursen von Ivy League-Universitäten, man habe gerade ja viel Zeit. Ich springe auf, was ich nicht alles studieren wollte, und wo nicht alles, Yale, Harvard und wie die alle heißen. Erstelle eine Kursliste, „Introduction to Psychology“, „Modern Poetry in America“ bis hin zu einer Vorlesung über künstliche Intelligenz, man hat ja jetzt Zeit. Packe den Stundenplan zu voll. Tanze durch die Wohnung, weil ich jetzt in Yale studiere, Nase immer noch zu. Schwöre mir, Nachrichten vielleicht lieber morgens lesen, schreibe Nasenspray auf die Einkaufsliste. – 17.3.2020

 

Tag 1 / Montag

Gerade habe ich einen neuen Ordner auf dem Computer geöffnet, der Corona-Blog heißt. Makaber schien mir das, ein bisschen, geht’s nicht ein bisschen kreativer, Lena, dachte ich mir, aber dann dachte ich, wieso, ist doch so. Es ist alles irgendwie Corona. Ich wollte den Corona-Blog-Ordner woanders hinverschieben, und dachte mir, vielleicht ist ja jetzt die Zeit für all die Dinge, zu denen man sonst nicht kommt (immerhin, ich habe meinen Kleiderschrank vorgestern schon aus- und wieder eingeräumt, und ich fühlte mich danach nicht besser), ich könnte mir mal eine*n Computer-Spezialist/en*in holen, der*die mir das Ganze auf Vordermann bringt. Und dann, schon wieder das C-Wort, fragte ich mich, ob das geht, ob es nicht eben egoistisch sei, weil er*sie oder ich den Virus weiter geben könnten in der Zeit, in der er*sie diesen Corona-Blog-Ordner verschiebt. Flatten the curve, auch so ein Begriff, den man vor zehn Tagen noch gar nicht kannte.

Vor zwei Wochen, und jetzt wird’s tatsächlich makaber, lag ich schwer erkältet (nein, nicht Corona) bei meiner Freundin auf der Couch. In Japan machten sie gerade die Schulen zu, in Deutschland gab es die ersten Erkrankten. In München hatten am Vorabend im Residenztheater Menschen gehustet, und alle anderen Menschen hatten die Köpfe zu ihnen gedreht. Heimsberg, ein Ort, von dem vorher auch noch niemand gehört hatte, wahrscheinlich zurecht, prägte die Schlagzeilen, es war irgendwie alles noch gut. Sie feierten Karneval in Köln. Willst du was gucken, fragte die Freundin. Klar, sagte ich. Weißt du noch, dieser alte Film, in dem Dustin Hoffmann die Welt vor einem Virus rettet, der mit dem kleinen Affen. Outbreak heißt der Film, er ist aus den Neunziger Jahren. Meine Nase war zu, da half auch das Spray mit den ätherischen Ölen nicht dagegen, wir schauten Dustin Hoffmann dabei zu, wie er die Welt rettete, Soldaten auf den Straßen, die die Menschen vom Rausgehen abhielten, und auch so ein Begriff, den ich seit dem Matheunterricht in der Schule nicht mehr verwendete: Exponentiell. Ein skurriles Gefühl, kein beängstigendes, es ist ja alles ein Film.

Ich bin immer noch erkältet, der Film ist jetzt hier. Er ist hier, wenn ich die Tagesschau-App öffne, die Nachrichten lese, durch die sozialen Medien scrolle. Wenn ich das Haus verlasse, wenn ich durch die Stadt radle – um die Kinder zu holen, das sagt man ja dieser Tage dazu, um klar zu stellen, dass man sich nicht spaßeshalber unter die Menschen begibt, – dann ist es nur ein Münchner Sonntag. Menschen, die sich an der Isar nebeneinander quetschen. Familien auf Spielplätzen, kleine Kinder weinen, weil ihnen jemand die Schaukel weg genommen hat. Die Sonne scheint, auf diese typisch Münchner Weise, so, als wäre die Welt noch in Ordnung, als machten Viren vor dieser Stadt halt. – 16.3.2020

Datum

22. Apr 2020

Uhrzeit

All Day

Ort

PATHOS München
Dachauer Straße 110d, 80636 München

Veranstalter

PATHOS München // Dachauer Str. 110d