Tee am Tank – Blog IV

Letzte Tage Tee am Tank

„Tschüss, bis in einer Million Jahren“

Der August ist schon vergangen und damit ein ganzer Monat seitdem wir das Projekt „Tee am Tank“ abschlossen, und eine andere Residenz den Wagen übernommen hat. Zwei Urlaube und einiges an Arbeit standen einer zügigen Veröffentlichung vom vierten und letzten Blogeintrag im Weg, der hier als Erinnerung an den wärmsten Sommertagen 2020 erscheint. 

Es ist Sonntag, der fünfzehnter Tag vom T am T, und wir haben noch vier Tage um Abschied zu nehmen und den Wagen soweit fertig zu gestalten. Verrückt wie schnell so ein Monat vergeht (wenn man Spaß hat…). Noch wollen wir aber nicht ans Abschließen denken, sondern weiterhin Leute kennenlernen und auch zu den Videos von der Veranstaltung SoloIstNichtAllein, die heute parallel im PATHOS laufen, einladen. Also bauen wir wie gewohnt auf, bei uns ist Frederika, die gestern performte und nun die letzte Stunde mit uns verbringt, bevor sie nach Berlin zurückfährt. Wie so oft hören wir Hintergrundmusik im Loop, mit der uns das Studio gegenüber durch das offene Fenster beschallt. Heute haben wir aber Glück, und die drei jungen Männer schauen zu uns rüber; „Hey, komm doch rüber auf einen Tee!“ „Was? Wir sollen rüberkommen?“ „Ja, komm rüber auf einen Tee“ „Ok“. Es vergeht eine Weile, und wir denken, dass Tee ihnen vielleicht doch zu langweilig ist.


Aber als Marianne mit zwei anderen Gästen aus der Ausstellung im PATHOS kommt, haben Yin, Than und Assisi die Liegestühle eingenommen und sind Mitten im Erzählen von ihrem Hip Hop und RnB Studio cTc Fam (Creatorzcircle Family). Ganz davon leben können sie noch nicht und die Coronasituation macht es nicht leichter, weil diese ihnen praktisch alle Auftrittsmöglichkeiten nahm. „Dafür können wir wenigstens wieder an neuen Sachen arbeiten, weil wir jetzt gezwungen sind so viel im Studio zu sein“, meint Assisi. Hier sitzt wieder einer von diesen Menschen mit einer unglaublichen Geschichte. Assisi ist neunzehn und floh vor sieben Jahren aus China, mit Umweg über Istanbul. „Als Uigure hat man echt Probleme in China“, sagt Yin. Es war erst im letzten Jahr, dass wir in den Medien von der Minderheit der Uiguren und die Unterdrückung, die sie erleben, erfuhren – uns war immer noch nicht klar, dass dieser Konflikt schon so lange besteht. Minderheiten, Unterdrückung und Armut bleiben diese Tage Hauptthemen. Schauen wir auf den Rassismus vor Ort, dann ist es durch Frederika, dass wir auf den Rassismus, die Personen mit asiatischem Aussehen im Westen erleben, aufmerksam wurden, und dass dieser durch Corona stark aufgeblüht ist.

Hier auf dem Gelände gibt es viele eher unsichtbare Auswirkungen der Situation mit Corona. Als Beriwan, Haifa, Marlein sowie die Frau mit dem schönen Lächeln zum Tee kommen, meinen sie zuerst, es sei seit Mittwoch nichts Neues passiert. Sehr schnell kommen sie jedoch darauf zu sprechen, dass es in der Pension einen heftigen Streit zwischen Havins Familie und einer anderen gab. Havins Familie wurde beschuldigt, sie habe Corona und sollte der anderen Familie nicht zu nahe kommen. Die vier erzählen, dieser Coronaverdacht sei ganz unbegründet und Abstand sei sowieso nicht wirklich möglich, wenn man Bad, Küche und Flur teilt. Am Ende sind sie einander gegenüber Handgreiflich geworden, Havins Familie drohte mit einer Kündigung und deshalb ist sie heute nicht dabei. Es ist einfach zu eng dort, die Coronaregelungen, die Kinder zu Hause und jetzt die Schulferien macht es noch enger, das berichten sie alle.

Als die Mütter aufbrechen, bleiben Baida, Antje und Vian, drei der Kinder, bei uns, und sie finden es ganz gut mit uns, einer nach der anderen, in die Ausstellung zu gehen. Für uns ist es spannend, diese ganz anderen Fragen zu hören. Bei den Videos über das Gehen von Brigitte Neufeldt fragen sie beispielsweise alle, „warum sieht man ihr Gesicht nicht?“ Warum nur die Füße, die Seite, den Schatten? „Brigitte versucht das Gefühl von Gehen in ein Video zu übertragen. Sie möchte nur das Gehen, nicht ihr Gesicht zeigen.“ Das Video, das wir eher beruhigend finden, finden tatsächlich alle drei unheimlich, aber sie bleiben dennoch dran, um dieses Gesichts-Geheimnis aufzulösen; es zeigt sich aber nicht.

Beim Aufräumen hält ein Mann mit dem Fahrrad vor dem Tor, er will nur kurz schauen, was wir hier Nettes machen. Er findet es super, diesen Ort zum Kennenlernen, er selber kommt gerade von der Grundrechtedemo und scheint davon recht beflügelt zu sein. „Kann ich dir die Hand zum Abschied geben“ fragt er Jan, und, als Jan ihm die Hand gibt, „so schön wieder Jemand die Hand zu geben!“. Mit den heutigen Gesprächen im Hinterkopf ist es ein wirklich seltsames Gefühl zu wissen, dass man zurzeit nicht auf eine Demo für Grundrechte gehen möchte. Auch das ist in der Coronazeit gekommen.

Für die letzten drei Tage sind wir am Mittwoch wieder da. Was wir die Wochen davor nicht schafften, nämlich den Wohnwagen wirklich zu putzen und zu streichen, muss jetzt an den allerletzten Tagen passieren. Judith vom PATHOS ist da und zusammen verschieben wir den Wagen und suchen einen Wasseranschluss in der Nähe – und finden dabei den Hochdruckreiniger vom Munich Makers Lab, sowie Christian, der uns hilft! Es klappt, Kevin von der Bürogemeinschaft verschafft uns den Wasseranschluss und der Schmutz am Wagen blättert ab. Bevor wir fertig sind kommen Haifa, Marlein und Beriwan, sie brauchen genau so einen Hochdruckreiniger für das Bad der Unterkunft. Hier zeigt sich ein Ziel für das Weiterführen des Projekts, nämlich die Menschen, die wir nun aus der Unterkunft kennen, mit den anderen, die wir kennengelernt haben, bekannt zu machen, damit sich diese Ressourcen vor Ort noch besser ergänzen können. Dafür war ein Monat zu kurz, das nehmen wir mit.

An diesem Tag bringt uns Haifa Tee mit, aus dem Grund, dass irakischer Tee besser ist, das sagen sie alle. Und ja, der ist sehr lecker. Aber die drei sind heute bedrückt, denn Havin und ihre Familie müssten wegen dem Streit von Samstag tatsächlich die Pension verlassen. Das nimmt sie alle sehr mit, auch als Hasna zusammen mit zwei anderen Frauen dazukommen, geht es vor allem darum, dass Havin nicht mehr da ist. Wir wissen ja nicht genau was passiert ist, sondern nur, dass wir Havin, Maria und Lukas sehr gerne als Gäste hatten, uns vor dem Tor gerne mit Ali unterhielten, und von ihnen einiges über die ezidische Gebräuche erfuhren. Lukas machte uns den großen Flieger und Maria trug, immer mit bester Laune, die abgefahrensten Kleider. An diesem Mittwoch bleiben die Frauen nicht lange und wir bleiben eine Weile alleine. Es kommen uns aber noch Omar, Sihaam und Salmaan besuchen. Leider sind ausgerechnet heute, zweitletzter Tag, unsere dreihundert eingepackte Kekse, die Salmann sehr mag, alle geworden, und er ist enttäuscht – verständlich.

Zum Glück ist die Rettung nicht weit weg, und Amina schmeißt ihm eine Packung Kekse vom Fenster herunter. Während Salmaan und Sihaam hinten im Hof einen Wagen zum Spielen finden, erzählt uns Omar ein wenig vom Konflikt in Somalia. Er kommt selber ursprünglich aus Mogadischu, und meint, dass die Regierung einfach zu schwach ist, weswegen Clans und die Miliz al-Sahaab viele Gebiete regieren können, und das macht das Leben dort gefährlich. Zu Hause lesen wir, dass Somalia eins der Länder mit dem weltweit größten Bevölkerungsanteil an Flüchtlingen und Binnenvertriebenen ist, was an über zwanzig Jahre mit Bürgerkrieg, Dürre und Hungersnot liegt. Erst seit 2014 ist das Land nicht mehr auf Platz eins, sondern zwei, der Fragile States Index der UN. Die Situation war dort so, dass Omar bereit war quasi zu Fuß den Weg nach Europa zurückzulegen, was er dann auch getan hat. Als Sozialassistent arbeitet er nun in zwei Unterkünften für Geflüchtete. Wir sprechen noch ein bisschen über das leckere Somalische Essen, Omar zeigt uns ein Video auf Somali, wie man Samosas macht und sind alle ziemlich hungrig, bevor wir gute Nacht sagen.

Der offiziell letzte Tag ist eine Art Überraschung. Wir erwarten schon, dass unsere üblichen Gäste vorbei kommen werden um Tschüss zu sagen. Aber nein, von ihnen kommt niemand. Lassen sie uns Ruhe zum Arbeiten, weil sie wissen, dass wir heute den Wagen grundieren? So gesehen stimmt es ja gar nicht, dass wir dafür Ruhe haben, denn die Kids sind da und wollen auch grundieren, am liebsten alle gleichzeitig. ”Oh, ich liebe Arbeiten” meint der kleinste Hermann, während wir: „Nein, nur eine nach der anderen, nein, nicht ins Theater rein, nein diesen Pinsel nicht!“ Wir haben ein bisschen Sorge, dass die Kids uns nach diesem Tag nicht mehr mögen. Als Elif vom Flüchtlingsrat zu Besuch kommt, gibt es noch keinen Tee und alle Sitze sind in der prallen Sonne, „Ich habe sowieso gerade soviel gesessen und stehe gerne ein bisschen“, na ja. Mit Elif hatten wir mehrmals Kontakt, sowohl um etwas über die Struktur der Unterkunft zu erfahren, als auch über den Sozialdienst, der die Unterkunft unterstützen sollte. Zuletzt auch um zu überlegen, ob es in einer Form mit „Tee am Tank“ und dem Flüchtlingsrat zusammen weitergehen könnte. Aber sich darüber konzentriert zu unterhalten ist während des Grundierens nicht möglich, wir müssen es auf Emails verschieben. Elif muss gehen und wir entscheiden uns nun doch den Rest des Wagens alleine fertig zu streichen. Nur Maria und ihre Schwester bleiben zum Zeichnen und wir erfahren zum ersten Mal ein wenig mehr von ihnen. Die beiden wohnen ”nur” seit circa vier Monaten in dem Obdachlosenheim. Ihre Eltern, ursprünglich aus Rumänien, waren in einem Restaurant in der Innenstadt als Koch und Küchenhelferin angestellt, wurden aber gekündigt, als das Restaurant wegen Corona zumachte. An dem Job hing auch die Wohnung, warum sie nun hier sind. ”Wie geht es euch damit, hier zu wohnen?” ”Gut” sagt Maria mit einem Lächeln ”ich habe schon sehr viele Freunde gemacht”. Kinder sind so tough.

An diesem zweitletzten Tag lernen wir noch Raquel und ihre zwei Kinder kennen und kurz nachdem wir uns hingesetzt haben, kommt auch Hussain dazu. Raquel hat ein Atelier auf dem Gelände und erzählt, dass ihr Eindruck ist, dass Kinder und auch Erwachsene auf dem Gelände sehr viele tolle Möglichkeiten haben, mit dem Imal, Import-Export, dem Theater. Raquel selber ist aus Spanien und spricht mit den Kindern Catalan. Noch eine Minderheit auf unsere Liste. Ihr gegenüber sitzt Hussain und zeigt Jan und den anderen Kinder Videos von ihm und seinem jüngsten Sohn, die mit dem höchsten Karussell, das auf dem Olympiagelände, fahren. Die beiden scheinen überhaupt keine Angst zu haben. Für Hussain und seine Familie sind es zurzeit die letzten Tage auf dem Gelände, bevor sie zusammen nach Paderborn ziehen; seine Tochter wohnt schon dort. Vielleicht wird dies ihre neue Heimat.


Tag achtzehn, unser tatsächlich letzter Tag, der Freitag, wieder sehr heiß und Amadeus vom Bürokollektiv sitzt in der Sonne vor dem Tor und liest Dostojewski. Heute fangen wir nicht mehr damit an, Bänke und Stühle aufzustellen, den Samowar rauszubringen und Blumen auf dem Tisch zu stellen, sondern fangen gleich an den Tank silbern zu streichen. Erst euphorisch, weil die Farbe so toll ist, dann weniger und weniger, als wir merken das sich Streifen bilden. Wir machen aber weiter, ganz alleine, es ist still auf dem Gelände, ein paar Stunden sind wir da ohne noch jemanden zu Grüßen. Aus dieser Ruhe kommt Hassan mit einer großen Platte irakischen Biryani zu uns: „Für die Arbeit“, geht aber sofort wieder. Wir machen eine Essenspause mit diesem super exklusiven Reisgericht. Es geht ganz gut den Wagen zu streichen, aber dunkler wird es trotzdem, und wir beeilen uns, um auch die Zeichnungen der Kinder zum Abschied aufzuhängen. Erst jetzt tauchen ein paar Gäste auf. Maria zuerst, die nach ihrer kleinen Schwester fragt, weil sie in einer Stunde nach Rumänien in Urlaub fahren, dann Baida „warum habt ihr mich nicht geholt, dass ich mit Streichen helfen konnte?“ „Wir dachten, ihr seid alle im Schwimmbad, weil wir so viele Stunden hier alleine gestrichen haben“. Sie sind mit der Farbe „ok“ zufrieden, aber die Bunte war schon besser. Wo bleiben dann die Eltern? Wieso kommen sie nicht zum Abschied? Die doppelte Aufgabe dieses Projekts, Einzuladen und den Wagen schicker machen, fanden wir den ganzen Monat schwer vereinbar. Jedenfalls übernahm die Mal-Aktion den Abschied, wir wissen aber nicht, ob dies gut oder schlecht ist. Es ist keine typische Inszenierung von einem Abschied, wo alle noch mal extra eingeladen werden, man sich sagt, wie schön es war, dass man sich kennenlernte. Und es ist schon interessant, was hier passiert.

Plötzlich steht nämlich Boris im Tor, der uns letzte Woche um Hilfe mit seinem Caravan, der abgeschleppt werden sollte, bat. Danach telefonierten wir auch mit dem Gebäudemanagement, erklärte die Sache mit der Bitte, der Wagen könnte bis Mitte August stehen bleiben. Aber Boris weiß immer noch nicht, ob und wann der Wagen abgeschleppt wird und versucht gerade herauszufinden, wie er ihn Montag wegtransportiert kriegt. So bekommt diese Begegnung doch „ein Ende“, und Boris gratuliert uns zum Makeover vom „Tank“, „Aber hinter Boris, da ist der Wagen offen, der hält nicht lange“, wir zeigen ihm die Stelle. „Meiner auch“ sagt er, „genau selbe Stelle“ – die Achillessehne der Wohnwägen.
Und bevor es wirklich dunkel wird, tauchen Hassan, Beriwan und vier von ihren Kindern zum Abschied auf. Wir freuen uns sehr darüber, die Kinder schauen sich ihre Bilder an, die Erwachsenen den Wagen und meinen, es ist nicht schlimm mit den Streifen. „Bis in einer Million Jahren“ ruft uns Baida zu, als sie alle zusammen gehen. Aber man sieht sich ja immer zweimal im Leben.

Gegen zehn sitzen wir ziemlich müde und hungrig vor dem Wagen, „Ah ihr seid noch da“ ruft jemand und da kommt Erwin vom fünften Tag, Erwin, der uns viel über das Virus erzählte, der uns Bio-Spargel schenkte, der uns den Tipp von Munich Makers Lab gab. „Erwin, mit dir haben wir nicht mehr gerechnet, wie geht es dir?“ „Katastrophal“, „Oh nein“. Seit er das letzte Mal zu Gast war, wurde seine Wohnung Zwangsgeräumt, und er verlor viele seiner Sachen. „Ein Messy darf man nicht sein“, meint er, „nur wenn man viele von den richtigen Sachen hat.“ Er ist noch zurückhaltend, sich Obdachlos zu melden, weil er das nicht im Ausweis stehen haben möchte, aber das bringt ihm andere Probleme beim Amt. Und er ist wütend, dass er dem Landtagsrat nicht zu sprechen bekommt, dass sei nur für wohlhabende Bürger und Bürgerinnen offen. Wahrscheinlich verhält es sich oft so. Es kann ja jedenfalls nicht zur Debatte stehen, ob Reich oder Arm in der Politik mehr zu sagen hat. Wir sitzen länger mit Erwin, versuchen auch diese Bekanntschaft auf eine Art abzuschließen. Erwin, er wäre schon daran interessiert in dem Tank einzuziehen, mit wen er da sprechen muss? Ja, wenn nur das Theater alles könnte oder alles sein könnte. Diesen Monat lehnten wir Haifas Kindergeburtstage und cTc’s Wunsch Partys im PATHOS zu veranstalten ab. Wir lehnten Boris‘ Wagen im Hof des PATHOS und nun Erwins Wohnen im Wagen ab. Vielleicht kann Theater auch alles, sicher gibt es hier Möglichkeiten, die wir nicht sehen und nicht ausprobieren, und „Tee am Tank“ setzte nur einer diesen vielen um. Erwin, wir waren sehr froh, dich noch einmal zu sehen, denn nach dem ersten Treffen, dachten wir öfters an dich. Wir kreuzen die Finger, dass sich deine Situation bald bessert, genauso wie für viele, die wir diesen Juli kennenlernen durften.