Tee am Tank Blog III

Woche drei – Tee am Tank

„…heute gibt es keinen Tee, da habe ich jetzt keine Lust drauf“

Es ist wieder Sonntag und schon Tag elf für Tee am Tank. Es ist sehr sehr still auf dem Gelände. Die Sonne brennt, und es ist wohl unwahrscheinlich, dass sich ohne Schatten jemand zu uns setzen wird. Wir fangen an den Wagen zu schrubben, damit wir ihn endlich streichen können, merken aber schnell, dass wir mit einem Eimer Wasser und zwei Besen nicht so wirklich gegen den Schmutz ankommen. Wir machen aber beharrlich weiter, bis ein älterer Herr auf dem Hof kommt. Nein nein, er möchte keinen Tee, er wollte nur kurz schauen, während er auf seine Enkelkinder wartet. Ihre Mutter, seine Schwiegertochter, führt heute im PATHOS die Bremer Stadtmusikanten auf, und während sie sich vorbereitet, geht er mit den Kindern Eis essen. So schnell kommen sie aber gar nicht, und Stephan bleibt eine Weile bei uns stehen. Er beschreibt wie unerträglich voll es zur Zeit an den Wanderwegen um München und auch an der Isar ist. Uns fällt auf, dass wir in den letzten sechs Monaten, in der wir in München wohnten, kaum an der Isar waren.


Als Julia, die Schwiegertochter, die Türen zum PATHOS schließt um proben zu können, hat es sich mit dem Weiterputzen erledigt, weil der Wasseranschluss drinnen ist. Wir machen stattdessen eine kleine Tour zur Unterkunft, wovor Ali und Hassan stehen. Sie meinen, sie haben schon Tee getrunken, und es sei sowieso zu heiß dafür. Da haben sie irgendwie recht, aber Hassan kommt doch mit, als Jan die Einladung wiederholt, und kurz darauf stößt Marleins Mann dazu (entschuldige bitte, dein Namen müssen wir noch mal erfragen). Wir sitzen in der prallen Sonne, und das Gespräch ist stockend. Es ist auch ein rätselhaftes Konzept mit dem Tee vor dem Theater. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir durch ihren Frauen und Kinder schon einiges über sie Wissen, und sie auch über uns. Somit fallen die gewöhnliche Kennenlern-Themen irgendwie weg. Marleins Mann erzählt von ihren Festen in Irak, wie gerne sie tanzen, und wie es üblich ist, dass Männer mit Männern tanzen und Frauen mit Frauen. „Das gibt es Deutschland nicht so, dass Männer mit Männern tanzen?“ „Stimmt“ meinen wir, „meistens entweder Männer mit Frauen oder halt alleine“. Aber als wir nach Hause fahren fällt uns das Gespräch mit Mariyan vom dritten Tag ein, und wie strahlend er von den Volkstänzen erzählte und davon, dass er mit den bayerischen Männern beim Schuhplattler mithalten konnte. Wie sind die bayerischem Volkstänze, und haben diese um die Welt vielleicht viel gemeinsam? Schade, dass wir Neu-Münchner dieses Jahr die Wiesen nicht kennenlernen werden.

Tag zwölf ist ein sehr schöner Tag, denn gleich zu Beginn kommen Qayssar und Georg, die ein paar Stunden bei uns bleiben. Ihnen ist langweilig und das Jugendzentrum ist geschloßen. Sie machen uns Musik an (leider ist der Akku von unserer Box schnell alle) und wir sprechen über die Unterschiede zwischen Berlin und München, eine Frage ist beispielsweise, ob man in Berlin auffällt, wenn man ausländisch aussieht, was wir verneinen können. Wir sprechen über Zukunft und Ausbildungen und ein bisschen über die Vergangenheit. Sie zeigen uns auf der Karte, wo sie jeweils herkommen, Mossul und Erbil. Mossul ist eine vom IS völlig zerstörte Stadt. Gemeinsam erzählen sie, wie Georg mit 14 vor zwei Jahren zusammen mit seinem älteren Bruder übers Meer nach Europa geflüchtet ist. Sein Onkel ist dabei ertrunken, als er ein Kind aus dem Wasser rettete. Das ist der Preis, meinen sie, der Onkel wäre sonst im Irak gestorben. „Aber ich möchte nicht viel darüber reden, es ist Krieg dort, es ist vorbei“ sagt Qayssar. Ein Satz, den wir jetzt mehrmals gehört haben, und der sich auch in den nächsten Tagen wiederholt. Wir wechseln das Thema, Qayssar kommt auf die Idee, dass wir doch mit dem Wagen Urlaubsfotos machen sollen, und wir machen eine kleine Fotosession, tun als wäre das Meer hinter der Kamera und als kommt Musik aus der Box. Die beiden müssen aufbrechen, weil Qayssar noch dringend ein Formular für den Schulbesuch abgeben muss. Schön Georg und Qayssar, dass ihr da wart.

Wir sind nur kurz alleine, dann kommen auf einmal alle Kids, wollen Tee und Kekse, wollen Musik und zeichnen, sind Gangster und Ladies und ein streitender Energiehaufen zugleich. Ok, das wird uns ziemlich schnell zu viel, und wir sagen ihnen, sie sollen doch lieber mit den Eltern zusammen wiederkommen – „die kommen eh gleich“ und weg sind sie um gleich danach mit Haifa, Marlein, Beriwan und Havin wiederaufzutauchen. Wenn die Eltern da sind, dann sind die Kinder aber gar nicht so sehr bei uns, sondern um uns, zeichnen und machen Flieger, während wir Tee trinken. Und trotzdem haben wir das Gefühl, dass es für sie in Ordnung ist, dass es keine Kinderveranstaltung ist, dass es ihnen gefällt, dass sie mit den Eltern zum Tee trinken kommen können. Eine Frau deren Töchter wir schon kennen, aber deren Namen wir auch noch mal erfragen müssen (entschuldige), ist dazu gekommen und zusammen erzählen die fünf, wie sie immer morgens um fünf, bevor die Kinder aufwachen, Sport im Olympiapark machen. Das sei notwendig, weil das irakische Essen sehr lecker ist. Wir lachen. Marlein verspricht uns demnächst etwas zum Kosten mitzubringen.

Tag Dreizehn. Vor „Tee am Tank“ treffe ich, Marianne, mich zum Proben mit Maja Das Gupta, die am Wochenende im PATHOS performen wird. Wir besprechen auf der Bank vor dem Wagen, als plötzlich Mariyan und Jordanka, das bulgarische Paar vom Tag drei, vorbei gehen. Da ich sie gar nicht mehr erwartet habe, wir aber doch oft an sie, und wie es bei ihnen weiter gegangen ist, gedacht haben, freue ich mich riesig. Ja, sie sind tatsächlich umgezogen, sie haben eine eigene Wohnung bekommen. Zwar immer noch nur eine 1-Zimmer-Wohnung für die fünfköpfige Familie, aber mit eigener Küche und Bad und Aussicht auf eine größere. Auch hat Mariyan eine kleine Stelle auf dem Bau, direkt am schwere reiter bekommen. Sie sehen viel besser aus. Nur Jordanka fehlt noch einen Job meinen sie, als wir Gemeinsam den Weg Richtung Essensausgabe, der Tafel wo sie hin wollen, laufen. Mariyan meint, er kommt mal nach der Arbeit auf einen Tee vorbei – hoffentlich schafft er das, bevor Tee am Tank Ende des Monats zu Ende ist. 

Es gibt an diesem Tag noch eine Überraschung. Während Maja und ich Proben, klopft es an der Tür, wir hören Antjes „Marianne, Marianne“, und rein kommen Hassan und Beriwan gefolgt von Antje, eines der Mädchen. Sie stellen uns eine große Tüte voller Essen von der Tafel hin. „Für euch!“ und Antje schenkt mir noch eine Tüte Chips und ein Kaugummi. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich berührt, denn wir haben nicht mit solchen Aufmerksamkeiten gerechnet und die Caffé Freddos in der Tüte gehen bei der Probe schnell weg.  

Als wir um sechzehn Uhr endlich die Teestube aufmachen, setzt sich auch Maja zu uns. Vor dem Tor läuft mehrmals ein junger Mann vorbei, bis Jan ihm dazu auffordert zu uns zu kommen. Patrick, ein junger Künstler, findet es mit dem Tee gut, er muss nämlich Zeit totschlagen, während er darauf wartet, dass die Künstlertafel aufmacht. Er ist zu früh da, weil er einen digitalen Detox-Tag macht und deswegen keine Uhr hat, es ist ein Tag mit einer anderen Zeitlichkeit, meint er. „Künstlertafel?“ „Ja, das treibgut“,erzählt er. Das ist ein Lager, welches große Materialreste sammelt um sie Künstler*innen günstig anzubieten. Uns scheint, es gibt alles auf diesem Gelände. Wir fragen ihm nach seiner Kunst und er erzählt, dass er normaler Weise mit Skulpturen im Stadtraum und mit digitaler Kunst arbeitet. Die Coronazeit hat seine Arbeit ziemlich auf hold gesetzt, unter anderem einen recht großen Fernsehauftrag, für die rumänische Version von „The Masked Singer“, wofür er die Kostüme entworfen hat. Aber es tauchen für junger Künsterler*innen auch neue Möglichkeiten auf, wie zum Beispiel die Galerie Utopia, bei der die Veranstaltungshalle während der Corona-Einschränkungen zu einem Kunstraum wird.

Als an diesem Tag nicht nur „wie gewohnt“ Haifa, Beriwan, Marlein und Havin, sondern auch Hasna und das ältere paar Hussain und Aisha mit ihren zwei erwachsenen Töchter plus Kinder wieder kommen, ist Patricks Wartezeit abgelaufen und er macht sich auf dem Weg. Auch Hassan und Idris kommen dazu, und zusammen mit Jan und Hussain machen sie eine kleine Männerecke vor unserem Wagen auf. Idris treffen wir zum ersten Mal – er steht diesem Teekonzept etwas kritisch gegenüber. Er möchte genau wissen, wer das Ganze hier veranstaltet, wer bezahlt und warum wir genau hier sind – und wieso wir uns das antun mit so vielen Kindern. Ich, Jan, versuche zu erklären, dass wir das eigentlich nur machen um die Menschen auf dem Gelände kennen zu lernen. Während wir weitersprechen lässt der Skepsis nach und am Ende laden die Männer mich ein, Abends zu kommen und mit ihnen zu sitzen. Sie treffen sich immer draußen, wenn die Kinder schlafen gehen. Idris spricht sehr gut Deutsch und übersetzt, als die anderen Männer davon erzählen wie schwierig es ist auf so engen Raum zusammen zu leben. Zu fünft in einem Zimmer, zu neunt in zwei Zimmern, keine Privatsphäre. Idris erzählt, die Stadt bezahle ca. 400€ Miete pro Monat an die Betreiber der Unterkunft – pro Person, egal ob Erwachsener oder Kind. Das bedeutet, dass bei einer fünfköpfige Familie ein einziges Zimmer im Grunde 2000€ pro Monat kostet.

Zu Hause kontaktieren wir den Münchner Flüchtlingsrat um die Struktur der Unterkünften zu verstehen. Das Haus in der Dachauer Straße ist ein Haus für Obdachlose mit 142 Bettplätzen. Es kann gut sein, dass ein Bettplatz monatlich um die 400 Euro kostet, wobei der Preis eigentlich pro Nacht berechnet wird und es mit den Betreibern der Häuser und Pensionen individuelle Verträge gibt. Es ist als kurze Notlösung gedacht. Die Familien, die wir kennengelernt haben wohnen dort schon seit Jahren. Bei Geflüchteten verhält es sich so, dass sie bei der Ankunft zuerst in eine Erstaufnahmeeinrichtung unterkommen. Während des Asylverfahrens wohnen sie in einer Gemeinschaftsunterkunft, bis das Verfahren abgeschlossen ist. Erst wenn sie Asyl bekommen, können sie eine eigene Wohnung beziehen. Mit dem Asylrecht bekommen viele eine Wohnsitzauflage für drei Jahre, sprich, wenn sie München zugewiesen wurden, dürfen sie nicht woanders eine Wohnung suchen. Da es in München so gut wie unmöglich ist eine Wohnung zu finden, landen viele in Notunterkünften für Obdachlose oder werden in den Gemeinschaftsunterkünften weiterhin als Bewohner*innen geduldet.

Der Flüchtlingsrat fordert schon lange, dass bezahlbarer Wohnraum gebaut werden muss und dass die Gemeinschaftsunterkünfte, in denen mehrere hundert Menschen auf engstem Raum wohnen, verkleinert werden, sowie dass die Menschen Einzelzimmer bekommen.

Der vierzehnte Tag ist kein guter Tag bei Tee am Tank. Zusammen mit Judith vom PATHOS komme ich, Marianne, etwas früher an, und bin überrascht zu sehen, dass die Tür des Wagens fehlt ist. Der ist aufgebrochen worden, eine Türhalterung ist kaputt, ein Fenster ist verbogen. Unsere Musikbox ist nicht mehr da, ärgerlich. Judith und ich setzen uns die Bank, überlegen, und sofort sind vier bis fünf von den Mädchen da und wollen gleich Tee trinken. „Bei uns ist im Wagen eingebrochen worden, heute gibt es kein Tee, da habe ich jetzt keine Lust drauf“. Sie sind schnell: „Wenn wir die Musikbox finden, gibt es dann wieder Tee?“. Die Mädels setzen eine kleine Maschinerie im Gang, und kurze Zeit später bringen zwei Jungs ohne viel Aufsehen die Box wieder. Erledigt und geklärt. Der Tee kann stattfinden.

Als auch Jan da ist, und der Tee schon bereit ist, kommen zwei Männer auf uns zu. Wir fragen, ob sie einen Tee wollen, aber die Antwort geht zum Smartphone hin. Der eine Mann hält es uns hin, und Google Translate übersetzt uns, dass sie nach dem Besitzer des Geländes suchen. Übers Telefon erklärt Boris uns, dass er Bescheid bekommen hat, dass sein Caravan bis morgen vom Gelände entfernt werden muss. Wir sprechen abwechselnd in sein Smartphone. Es ist ziemlich spannend, zu sehen ob die Übersetzung funktioniert, oder ob das Display nur zusammenhanglose Worte anzeigt. Wie wir es verstehen, hat er früher in den Monteuersunterkünften auf dem Gelände gewohnt, aber jetzt nicht mehr, sein Freund, Lido, aber schon noch. Aber da er nicht mehr dort wohnt, darf sein Caravan nicht mehr stehen bleiben. Geld, um den Wagen umzustellen hat er gerade keines und er möchte dem Besitzer nun bitten, ihn erst am 15. August, wenn er Geld bekommt, umzustellen zu dürfen. Auf dem Bescheid stehen aber keinerlei Kontaktdaten. Wir schenken Tee ein, bevor wir im Internet gemeinsam nach dem Betreiber suchen. Wir finden auch die richtige Stelle und Nummer zu den Münchner Gewerbe Höfe, aber dort ist schon Feierabend. Wir versprechen morgen früh für ihn anzurufen und tauschen Nummern aus. Wir sind gespannt, wie das mit der Übersetzung funktionieren soll, wenn wir uns nicht gegenüber sitzen (Fortsetzung folgt). 

Eine Weile sind wir alleine bevor wieder Besuch kommt. Wir versuchen das Fenster zurückzubiegen und ein wenig aufzuräumen, wir sind ehrlich gesagt ziemlich müde. Als Haifa, Beriwan und Marlein kommen ist die Stimmung etwas seltsam. Keiner von uns erwähnt, dass es vorher Stress mit den Kindern gab. Wir denken, wenn wir das schon mit den Kids geklärt haben, warum es dann den Eltern erzählen? Und doch, sie wissen es ja sicher. Natürlich sollten wir einfach sagen: „Hey das und das ist passiert, super stressig mit den Kindern heute, wir haben es aber mit ihnen geklärt – und es ist nun alles in Ordnung“ – Fertig. Sagen wir aber nicht, und so bleibt etwas Unausgesprochenes in der Luft. Wir werden das an diesem Tag nicht klären. Nicht desto trotz: Dies ist auch der Tag, an dem Hassan uns einen leckeren Couscous und Salat zum Kosten bringt, und an dem Marlein uns, wie gestern angekündigt, sehr leckere Dolmas mitbringt – selbstgemachte haben wir noch nie gekostet. Danke Marlein!

Es ist auch der Tag an dem zwei von den Jungs uns ihr Deutsch-Rap vorführen und an dem die Mädchen einen Tanz üben, aber sich noch nicht trauen, ihn zu zeigen. Und die Frauen erzählen uns, wie sie von außen die Unterschiede der deutschen und kurdischen Erziehungstradition wahrnehmen können. In der kurdischen Tradition leben die Kinder quasi ihr eigenes Leben, und müssen ihre Konflikte meist selber untereinander Lösen. Im Unterschied dazu gibt es in Deutschland einen ziemlich festen Rahmen wie Kinder zu sein haben, und Erwachsene müssen oft einschreiten: Wenn die Kinder streiten, sich schlagen oder Sachen nicht richtig verwenden. Für sie als Eltern ist es ein ziemlich großer Wechsel, dies in Deutschland umsetzen zu müssen.

Als wir aufräumen kommt Kevin von der Bürogemeinschaft herüber. Wir berichten vom Misserfolg des Tages, vom aufgebrochenen Wagen und das es uns wegen der blöden Stimmung wurmt, dass wir nicht offener mit den Eltern sprachen konnten. Er erzählt, dass er öfters mit den Teenagern, die in der Unterkunft wohnen, spricht, über lädierte Identität und unsichere Zugehörigkeit. Ein bisschen traurig fahren wir nach Hause.

Vierter und abschließender Blogeintrag vom „Tee am Tank“ erscheint am 17. August.


Organisation + Umsetzung: Marianne Klausen, Jan Klein // Mit freundlicher Unterstützung des BA Nymphenburg-Neuhausen // In Kooperation mit PATHOS München