Tee am Tank – Blog II

Vier weitere Tage „Tee am Tank“


„Sorry, but I don’t spend my time socialising“

Als wir am Sonntag im Hof ankommen, sind Kai und Susanne schon da und bauen für ihre Kupferhochzeit, die sie am Nachmittag feiern werden, auf. Wir richten die Festvorbereitungen zu Musik an – nicht schlecht eigentlich. 
Schon bevor der Tee fertig ist, gesellen sich zwei junge Männer zu uns. Shivan und Reba sind eigentlich auf dem Weg zur Unterkunft in der Dachauer Straße, wo ihre Cousine wohnt, wollen aber kurz hören, was das hier ist. Wir versuchen zu erklären, dass „Tee am Tank“ und die Festvorbereitungen nicht wirklich zusammenhängen, aber so richtig klar wird es nicht, und im Trubel ist es schwierig, sich richtig auf das Gespräch zu konzentrieren. Aber bevor sie weitergehen zeigt Reba uns doch Fotos von seiner Hochzeit vor einem Jahr, es sind um die siebenhundert Gäste da gewesen. Absolut unvorstellbar für uns, Jan und mich, die beide mini kleine Familien haben. 

Ansonsten ist es ruhig am Gelände. Vor dem Tor sprechen wir kurz mit Colin, den wir öfters vorbeigehen gesehen haben. Er ist einer der Künstler am Gelände, schon viele Jahre da, und er erzählt im Schnelldurchlauf wie stark sich München verändert hat, dass es keine gute Kneipen mehr gibt, dass ihm etwas fehlt, etwas, was durch die Gentrifizierung verloren gegangen ist. „I like your project though“ sagt er, geht aber weiter.
Wir selber machen eine kleine Runde zum Unterkunft, wo wir gleich Hussein treffen. „Wir sind hier oben im Hof des PATHOS und laden die Nachbarschaft zum Tee ein. Hätten Sie vielleicht Lust einen Tee mit uns zu trinken?“ „Wann?“ „Also, so ab jetzt, bis 16 Uhr.“ „Gehen wir“ sagt er, und kurz darauf sitzen wir zusammen im Hof. Hussein ist echt lustig; als wir erzählen, dass wir keine Kinder haben, nickt er, und meint, „das ist besser, Kinder wollen nur kaufen, kaufen, kaufen.“ Und als wir fragen, ob es auch im kurdischen so was wie Kupferhochzeit oder Silberhochzeit gibt, meint er „nein, einmal heiraten reicht“.

Als sein Sohn Keisar, den wir schon letzte Woche trafen, auch noch kommt, erzählen sie, dass sie ihre Reise nach Deutschland getrennt gemacht haben. Hussein ist zuerst über die Türkei geflogen, während seine Frau und die Kinder über den Wasser- und Landweg durch Jordanien, Libanon und Balkan gekommen sind. Bald werden sie nach Paderborn ziehen, dort haben sie Familie und es ist noch möglich eine Wohnung zu finden – ganz im Gegensatz zu München. Im Hof ist es wirklich zu unruhig für das Gespräch, die beiden brechen auf, aber Hussein sagt, dass er am nächsten Tag wiederkommen wird. Aber solche Versprechungen haben wir ja schon ein paarmal gehört.
Um der Kupferhochzeit freie Bahn zu geben, brechen wir eine Stunde früher auf, stoßen aber davor mit Kai, Susanne und den Helfer*innen auf das Überleben von dem verflixte siebten Jahr an.

Am achten Tag sind unsere ersten Gäste Amina, Sihaam und Salmaan. Die Sonne scheint und sie kommen vom Eis essen am Rotkreuzplatz. Wir machen die somalische Band Suldaan Seeraar Hees an und suchen Farben und Papier für Salmaan und Sihaam. Während des Zeichnens erzählt Amina ein wenig über den Konflikt in Somalia, die Regierung und die Al-Shabaab Kämpfer, aber so richtig klar versteht er uns noch nicht. Die Vergegenwärtigung von Somalia auf der Landkarte kommt auch erst, als Amina erzählt, dass sie am meisten das Meer und Schwimmen im Meer vermisst. Wir hatten das Land gar nicht am Meer in den Gedanken. Ich, Jan, mache ein paar echt ganz schöne Fotos von den vier anderen, aber als wir Amina fragen, ob wir die für den Blog veröffentlichen dürfen, meint sie „nein, bitte nicht“. Das ist so verständlich, und vielleicht müssen wir einfach einsehen, dass unsere Beschreibungen ohne Personenfotos auskommen müssen. 

Nachdem sie gegangen sind ist es wieder still auf dem Gelände und wir warten. Aber dann passiert das, was diesen Tag den für uns bisher am wildesten macht. Auf einmal kommen drei Mädchen reingerannt, Baida, Nasar und Antje „unsere Mütter kommen gleich“, meinen sie. Sie sind blitzschnell überall, schauen sich innen und außen um – und vor allem die Kekse; „die sind für die Leute, die hier Tee trinken“ meint Jan, „kann ich ein Tee trinken? Ich möchte gerne ein Tee trinken“ antwortet Baida. So schlau. Also setzten wir uns mit nun fünf Mädchen an den Tisch, schenken Tee ein – nein, das machen sie selber – und erzählen „wenn man hier am Tisch sitzt, dann ist es so, dass man Erwachsenenfragen bekommt. Sie haben total Lust auf „Erwachsenenfragen“. Welche sind deine Stärken? „Hände und Füße“ ist eine Antwort. Wann fühlst du dich am wohlsten? „Wenn ich schlafe. Nein nein, warte. Im Schwimmbad! Im Schwimmbad!“ da sind sie sich alle einig. Wo ist der angenehmste Ort für dich? Stille. Bis eine „Irak“ sagt, und sie überbieten sich darin, wer dort auf dem größten und schönsten Stück Land wohnte, „von da hinten bis zu, bis zu bis zu…“ „…zu den Sternen?“ „Ja!“. In dem Moment als wir denken, dass das mit den Müttern ein Vorwand gewesen ist, kommen vier Frauen durch das Tor mit einigen Kindern noch dazu, nur Marlein kennen wir schon.

Wir sind natürlich total aufgeregt plötzlich so viele Gäste zu haben, und kurz danach kommt noch Haifa dazu. Als wir endlich alle sitzen (außer die Kinder…) und Tee haben, können wir uns vorstellen. Es sind Marlein, Byriwan, Hasna, Havin und Haifa, alle aus derselben Gegend im Nordirak, wo sie, wenn wir es richtig verstanden haben, Bäuerinnen gewesen sind, alle Ezidi. Sie sind unterschiedlich lange in Deutschland, jedoch alle zu lange in der Unterkunft. Wohnen bleibt ein großes Thema, es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum, dazu kommt, dass Vermieter ungern an Familien mit Kindern vermietet. Hier, bei uns im Hof, sitzen zehn bis fünfzehn super fitte Kinder, die keine Chancengleichheit erleben und die Corona-Zeit hat es für sie nicht leichter gemacht. Denn in einem Zimmer gibt es keine Ruhe zum Lernen. Haifa zeigt uns auf dem Handy ein Video davon, wie die Kinder auf dem Boden lernen müssen, was ja ok sein kann, aber nicht wenn es deswegen ist, weil es keinen ordentlichen Tischplatz gibt. Dazu kommt die Zweisprachigkeit, und dass die Eltern sie nicht wirklich unterstützen können. Haifa erklärt, dass sie selber, und viele ihrer Generation, nicht in der Schule durften, weil kurdische Kinder dort öfters geschlagen oder erniedrigt wurden. Deswegen wurde es von den Älteren unterbunden. Unsere Köpfe rauchen richtig, als sie gegen einundzwanzig Uhr aufbrechen.

Am neunten Tag kann Jan nicht dabei sein, und ich, Marianne, bin ziemlich aufgeregt, ob die Gäste von gestern mich komplett überrollen werden. Stattdessen ergibt es sich, dass gleich zwei Arbeitstreffen vom PATHOS am Wagen stattfinden. Für mich, die in den Gesprächen weniger involviert bin, wirft es die Frage auf, wozu „Tee am Tank“ da ist, und was man hier machen „darf“. Es ist eigentlich die Frage danach, wie man präsent ist und wie einladend man ist, denn als Judith, Katharina und ich kurz organisatorisches besprechen, merke ich, dass ich die beiden Mädchen, die in dem Moment wiederkommen, nicht als Gäste empfangen kann. Wäre es nicht doch konsequenter, wenn es in den Stunden von „Tee am Tank“ ausschließlich um zweckgelöstes Kennenlernen ginge? Doch ist Konsequenz nicht ein irrtümliches Ideal von Kontrolle, und bringt es nicht ohnehin mehr Bewegung einfach mitzufließen, mit dem was passiert? Wird dies nicht genau davon bestätigt, dass Willy vom Bezirksausschuss dann kurz bevor er geht, eine Baustelle für uns löst, indem er den Wagen an Strom anschließt?
Mit diesen Gedanken treffe ich vor dem Tor Colin, der mich im Schnelldurchlauf in den Inhalt eines Buches über Alchemie einführt. Er hat sich schon auf dem Weg gemacht, als ich ihn hinterherrufe „Colin, won’t you come by for a Tee once?“ Er dreht sich lächelnd „No. I only spend my time with things, where I know, I can get something out of it. Sorry. But I don’t spend my time socialising.“ „But this is not socialising…“ sag ich als unbeholfene Rechtfertigung, „well, it looks like it“, und weg ist er. Geht das wirklich, immer zu wissen wo man das, was man braucht, findet? Es steht in jedem Fall im kompletten Gegensatz zu dem, was wir mit dem Teetrinken probieren; der Welt kein Nutzen vorzusetzen. 

Ich freue mich riesig, als Hussein plötzlich wieder am Tor steht und zum Tee kommt. Wir schaffen es nur uns einen Tee aufzugießen, dann kommen auch schon Marlein und Beriwan mit ihren zwei größeren Töchtern und später Haifa. „Ich bin immer spät oder?“ sagt sie und lächelt. Sie erzählen von Konflikten in der Unterkunft; die Kinder streiten sich, und deswegen streiten sich auch die Eltern untereinander, weswegen Hasna heute nicht mitgekommen ist. Sie wohnen einfach zu eng – das ist das, was ich heraushöre.

Unser Gespräch ist etwas stockend; es ist nicht so klar, was dies ist, einfach zum Tee trinken zu kommen. „Ist es ein Deutschkurs?“ „Nein, nein, es ist einfach Tee zum Kennenlernen“. Ganz gleich was ich sage, für sie ist es ein Anlass, um Deutsch zu sprechen. Ihnen fehlen andere Gelegenheiten, auch wegen der Kinderbetreuung. Und für mich ist es gut mit ihnen zu sprechen, mehr von der Welt zu erfahren. Hussein erzählt, dass er in der Stadt im Irak ein Supermarkt hatte, der aber im Krieg völlig zerstört wurde, und sie erzählen, dass es unter Saddam Hussein nicht erlaubt war, Ezidi zu verfolgen. Ich erinnere mich wage an die damalige Presse, und wie berichtet wurde, wie unsicher der Irak nach seiner Ermordung wurde. Dänemark war dabei im Irak. In wie vielen Kriegen waren europäische Länder seitdem wohl beteiligt?


Gegen halb acht kommt noch Omar, Aninas Mann, zusammen mit Sihaam und Salman. Die Frauen brechen auf und wir trinken einen letzten Tee. Omar arbeitet sieben Tage die Woche in zwei unterschiedlichen Flüchtlingunterkünften. Es ist also sowas wie ein Glückfall, ihn überhaupt zu treffen. Er erzählt, wie sie damals vorhatten in Schweden zu bleiben, aber von Schweden zurück nach Italien geschickt wurden, wo sie zwei Jahre waren. „Die Leute in Italien sind gut, aber dort ist das Leben sehr schwer, dort gibt es nichts zum Wohnen.“ Er ist so jung, ich kann mir diesen Lebenslauf nicht vorstellen. Auch Andreas von Munich Makers Lab ist gekommen, um uns mit dem Leucht-T zu helfen, aber Jan ist ja dummer Weise nicht da. Andreas möchte weder Tee noch Kaffee, und ich merke, dass es nicht leicht ist, ein Gespräch zwischen uns allen dreien aufzubauen. Das müssen wir noch üben.      

Tag Zehn. Als wir am Gelände ankommen, halten wir vor der Unterkunft um zwei Männer zum Tee einzuladen. Es sind Ali und Hassan, die Ehemänner von Havin und Bariwan. Ali erzählt, dass er und Havin einen Brief vom Amt bekommen haben, dass jetzt eine Wohnung für sie gesucht wird – nach neun Jahren in München. Drei davon in der Unterkunft hier. Die Unterkunft ist eine Katastrophe meint er, er geht hier nicht ohne Narben raus. Anscheinend gibt es einen Punktesystem das feststellt, wie dringend es ist, ob man eine Wohnung bekommt. Wie werden diese Punkte wohl vergeben, wenn es neun Jahre dauert eine ordentliche Punktzahl zu bekommen? 
Als wir die beiden noch mal zum Tee einladen, meint Ali „Zum Lernen? Ich sage es meine Frau“. Na ja, Lernen ist ja nicht wirklich der Sinn dahinter, aber Absprechen kann ich ihm unser neues Label nicht.

Der Himmel ist ziemlich grau, wir machen den Strom im Wagen an, holen ein Dampfgerät und fangen an, die Plastiktapete aus den 80er Jahren und sehr spannend riechende Tapetenkleber abzudampfen. Schwer zu sagen, ob der Wagen nach unseren Aktionen besser oder schlechter aussehen wird. Zum Glück kommt Hussein und erlöst uns von der Aufgabe. An diesem Abend tagt der Bezirksausschuss im PATHOS und Anna kommt in den Hof, sagt uns Hallo, hat aber leider keine die Zeit für einen Tee. Ansonsten wäre das doch ein wundervolles Zusammenkommen gewesen, jemand vom Bauausschuss und Hussein, der in der Notunterkunft wohnt. Es ist sehr lustig, als wir Hussein erzählen, dass Anna Politikerin ist, fangen seine Augen an zu strahlen. „Anna?“ sagt er und zeigt auf sie, „Ich möchte sie gleich mit nach Hause nehmen.“ Kurz danach kommen Haifa und Havin samt Kinder (die nächsten Tage, wissen wir auch eure Namen, versprochen!). Havins Lukas und Maria, die die Liegestühle mögen, machen sich ans Zeichnen, wir wundern uns ein bisschen, als Lukas die Pappe biegt und immer weiter drauf springt. Dann steht er aber plötzlich mit einem riesen Flieger da – mega! Nur ist die dumme Pappe zu schwer zum Fliegen. Ich, Marianne, denke unweigerlich an einem Satz vom Monolog einer Kollegin: „In Dänemark sind die Tauben so dick vom vielen fressen, dass sie nicht mehr fliegen können“.
Haifa macht uns zum zweiten Mal auf Nadia Murad aufmerksam. „Habt ihr die schon gesehen?“ „Leider noch nicht!“ Aber am Abend schlagen wir die Friedensnobelpreisträgerin nach, und ja – empfehlen Ihnen dasselbe zu tun. 

Es beginnt zu regnen und sie brechen auf. Wir verziehen uns wieder in den Wagen und bekommen hier Besuch von Judith, die auf die Pause des BA’s wartet. Was kann der Wagen für das PATHOS Theater im nach unserem Projekt werden? Ein kleiner Gruppenraum, Unterkunft für Residencies, weiterhin Tee am Tank?
Es ist fast 20 Uhr als der Regen aufhört, wir sind bereit zusammenzupacken, aber dann steht Beriwan und Töchter am Tor. „Schon zu Ende?“ „Na ja, möchtet ihr noch einen Tee trinken?“ „Ja“ – und plötzlich sind alle wieder da, Marlein, Haifa und Havin, und wir richten wieder an. Doch es beginnt erneut zu nieseln und alle finden es zu stressig. „Wir kommen morgen wieder“, „Sonntag, Sonntag sind wir wieder da.“ „Dann kommen wir Sonntag wieder“. Das ist der Moment, in der wir verstehen, dass der „Tee am Tank“ angekommen ist, dass wir weiterhin Gäste haben werden.

Wir packen zusammen und grüßen noch Colin, der vorbeigeht. Erst nächste Woche werden wir wieder probieren ihn zu in der Versuchung des vielleicht zwecklosen Teetrinkens zu ziehen. Als wir gehen, kommt noch Kevin von der Bürogemeinschaft auf ein kurzes „wie geht’s“ vorbei. Feierabend im hinteren Teil des Kreativquartiers.


Organisation + Umsetzung: Marianne Klausen, Jan Klein // Mit freundlicher Unterstützung des BA Nymphenburg-Neuhausen // In Kooperation mit PATHOS München