Tee am Tank – Blog I

Sechs Tage „Tee am Tank“

„Was ist eigentlich der Sinn von  dem was ihr hier macht?“
„Es gibt nicht viel mehr Sinn als Tee trinken, Keks essen und sich Kennenlernen.“


Am ersten Tag eröffnen wir das Teetrinken mit Judith, Katharina und später Klarissa vom PATHOS sowie Autorin Maja, die alle von der „Spurensuche“ ins PATHOS gekommen. Worüber werden wir sprechen, wenn wir Tee trinken? Das Schwere Reiter Gelände ist jetzt, ein Monat lang, unser gemeinsamer Ort, den wir, Jan und Marianne, aber noch nicht kennen. Es fängt beim PATHOS an, unsere erste Bekanntschaft, und hört in 30 Tagen auf, bei wem wohl?

Unsere erste Aufgabe ist es präsent zu sein und einzuladen. Eine gar nicht so einfache Aufgabenstellung für zwei recht schüchternen Menschen, die wir sind. Uns interessieren aber die Menschen am Gelände, vor allem interessiert es uns, mit den denjenigen die an dem Gelände wohnen ins Gespräch zu kommen. Also nehmen wir unser Schild und gehen zum Wohnhaus an der Dachauer Straße um Übersetzungen für unseren Leitsatz „Sag Hallo und trink ein Tee“ zu bekommen. Die erste, etwas unbeholfene Begegnung ist durch ein offenes Fenster. Ein Mann und eine Frau sitzen in der Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss, es sieht nett aus, und so denken wir, wir können einfach hin und sie ansprechen. Unser Satz beginnt „Können sie uns bitte helfen…“, aber das ist anscheinend gar kein so guter Einstiegssatz. Wir sehen jedenfalls wie sich die Gesichter etwas verdunkeln, während wir hektisch versuchen zu erklären, wer wir sind, was wir hier machen. Ok, sagt die Frau, und verspricht später zum Hof zu kommen um uns den Satz auf Türkisch aufschreiben. Wahrscheinlich aus Höflichkeit. Jedenfalls sehen wir sie an diesem Tag nicht wieder.

Nun, auf dem Platz vor dem Wohnhaus sitzt eine Frau mit ihren beiden Töchtern, und wir trauen uns vorsichtig hin. Unser Satz beginnt diesmal „Dürfen wir Sie etwas fragen?“, und das kommt schon besser an – oder liegt es daran, dass sie im Freien sitzen und nicht im Privaten? Die Frau sagt sofort ja, wir erklären das Vorhaben, und sie schreibt uns den Satz auf arabisch hin, denn sie kommt ursprünglich aus Marokko. Erst dann stellen wir uns vor, und merken, dass Namen für die Begegnung eine starke Bedeutung haben; wir selber sind gleich persönlicher und offener. Wir unterhalten uns ein wenig mit Kadischa, die meint, dass sie sich freut, wenn sie morgen mit den Kindern zum Tee kommen kann. Aber auch sie sehen wir nicht wieder.

Am zweiten Tag kommt gleich unser erster richtiger Gast – ohne viel von etymologischen Rückschlüssen zu halten, ist es trotzdem so, dass Gast erstmal Fremdling bedeutet, und Gastfreundschaft also… – Amina mit ihren zwei Kindern. Sie trinkt eigentlich keinen schwarzen Tee, aber für uns macht sie das, und der Sohn freut sich über die eingepackten Kekse. Wir freuen uns über den Besuch und sind tatsächlich sehr aufgeregt, reden womöglich ein bisschen durcheinander und stellen viele Fragen: Woher, wie lange, warum, wie ist es, was gefällt dir, welche Musik??? Und wir erfahren, dass sie ihren Hauptschulabschluss macht, gerne Basketball spielt und gerne Helene Fischer (oder war es Vanessa May?) hört: Das Lied, das sie uns vorspielt, kann sie auswendig. Sie und ihr Mann sind aus Somalia und übers Meer nach Europa gekommen, haben in Somalia ein Kind zurückgelassen, weil es zu gefährlich war,  es übers Meer mitzunehmen, und jetzt sitzt sie hier und trinkt mit uns Tee. Wie kann man sich den Weg, den sie gegangen ist, vorstellen? Und mit dem Wohnen, wie ist das? Amina erzählt, dass sie vier Jahre in einer Unterkunft wie der an der Dachauer wohnte, laut, Polizei in der Nacht, kaum Privatsphäre. Erst dadurch, dass ihr Mann eine Ausbildung macht, haben sie eine eigene Wohnung hinter dem PATHOS Theater bekommen. Gleich am nächsten Tag werden wir erfahren, was es heißt, in einer Wohnung zu wohnen, die an Leistungen gebunden ist.


Als am dritten Tag Mariyan und Jordanka mit uns die neue Samowar einweihen, ist es ganz klar, dass sie da sind um zu erzählen, was ihnen gerade passiert. Eigentlich ist es zu heiß in der prallen Sonne, unsere Sonntagszeit von zwölf bis vier ist nicht perfekt gewählt, und wir versuchen Mariyan und Jordanka einen Platz im kleinen Stück Schatten zu geben. Sie halten es aus, der Brisanz ihrer Situation wegen vielleicht. Sie erzählen ein wenig über die Unterkunft, die Enge, dass sie als Familie zu fünft in einem Zimmer wohnen, die Dusche, Toilette und die Küche, es geht nicht es sauber zu halten, und die Menschen werden aggressiv, wenn sie so eng zusammen wohnen. Aber es ist etwas anderes, was sie uns erzählen wollen. Die beiden sind ursprünglich aus Bulgarien und Mariyan arbeitete acht Jahre bei einer Firma in München bis diese Pleite ging; an seiner Stelle hing auch ihre Mitarbeiter-Wohnung. Wegen Corona findet er einfach keine neue Arbeit, Bürokratie verzögert die Bewilligung des Arbeitslosengeldes, Beratungen können nicht stattfinden und nun stehen sie wegen 180 Euro vor der Bedrohung mit den drei Kindern am nächsten Tag auch aus der Notunterkunft zu fliegen. Das ist ihre große Sorge. Wir denken unweigerlich an den Film von Ken Loach „I, Daniel Blake“, den wir die Woche sahen. Bitte, wie geht das, dass man wegen Geld aus einer Notunterkunft geworfen werden kann?

Als Wolke hängt diese Bedrohung über den Rest unserer Themen, auch wenn Mariyan buchstäblich aufleuchtet, als er vom speziellen Tee in Bulgarien spricht, und als er auf die Wiesen in München zu sprechen kommt, wenn die Menschen Tanzen, einander einladen und sich sogar freuen, Fremde kennenzulernen. Und dann zeigt er uns dieses wunderschöne Foto und erzählt wie er fünfzehn Jahre lang bulgarischen Volkstanz tanzte. Auch deswegen sind die Wiesen so schön gewesen, weil die Volkstänze sich ähneln, und er so sehr gut unter den Männern mittanzen konnte. Bevor sie gehen schreiben sie uns noch den Satz auf bulgarisch und wir hoffen, sie werden wieder kommen. 

Elisabeth, die zur selben Zeit zu Besuch ist, gibt uns danach die Frage, die sie die beiden gerne direkter gestellt hatte: Warum seid ihr heute zum Tee gekommen?

Zu Hause recherchieren wir die Unterkunft an der Dachauer Straße. Diese wird von einer privaten Firma betrieben die die Stadt für die Beherbergung bezahlt. Ihre Internetpräsenz gibt jedenfalls einen anderen Eindruck von den Verhältnissen als die direkte Begegnung. Lassen wir erstmal so stehen.


Am vierten Tag bin ich, Marianne überzeugt, dass Niemand zum Tee kommen wird. Zwar gehört es zu „Tee am Tank“, dass wir ergebnisoffen bleiben und keine Gäste „einfangen“ wollen, wünschen tun wir sie uns aber schon. Es kommt an diesem Tag aber gar nicht zu der vorhergesehenen Leere. Als wir aufbauen, geht ein Mann mit dem Buggy vorbei, schaut und schaut genau, und geht vorbei. Kommt aber gleich darauf zurück. „Warum habt ihr da das auf dänisch stehen?“ sagt er auf Dänisch und zeigt auf das Schild. „Weil ich aus Dänemark komme“ sage ich, Marianne, auch auf dänisch und gleich geht es los mit der Muttersprache beim Tee, während seine Tochter Luna den Hof erkundet. Tom ist mit seiner chilenischen Frau nach München gekommen. Sie studiert heir und selber sucht er nun ein Atelier. Das ist aber nicht leicht in München, und wir überlegen, welche Möglichkeiten es auf dem Kreativquartier geben könnte, und ich gebe ihm große Hoffnung. Aber, Jan und ich sind ja noch gar nicht lange hier, und in den kommenden Tagen erfahren wir, dass es mit den Räumen so eine Sache ist, eine Schwierige soll das heißen. Auch hier muss man Glück haben.
Während wir hier sitzen kommt Amina mit ihren zwei Kinder wieder kurz vorbei. Es stellt sich heraus, dass Tom eine Zeitlang in Somalia wohnte, und so unterhalten sich zum ersten Mal zwei Gäste untereinander – eine weitere Ebene vom „Tee am Tank“.

Vor dem Tor sprechen wir noch mit Sandra mit ihrem Sohn. Sie meint, sie trinkt keinen Tee, wir sagen, wir können auch Kaffee machen, aber es hilft nichts. Und sie ist auch diejenige, die fragt, was für ein Sinn das alles hat mit dem Tee. Sie ist Münchenerin, ist aus ihre Wohnung gekündigt worden, und wohnt nun in der Unterkunft ohne eine Idee davon zu haben, wann sie wieder eine eigene Wohnung bekommen. Es sei absolut intransparent, wie Wohnungen vergeben werden, denn manche warten einen Monat, während andere Jahre in der Unterkunft bleiben. Sie formuliert es wirklich nett, als sie sagt, dass sie schon lieber alleine wohnen würde, weil die Küche und das Bad in der Unterkunft einfach nicht sauber sind, wenn so viele das teilen. Wir haben die Hoffnung, Sandra doch in der nächsten Zeit als Gast zu haben.      

Am fünften Tag können wir schon einigen zuwinken und mit Wiedererkennung grüßen, auch wenn sie noch nicht zu Gast waren. Und wie am ersten Tag sagen einige, sie kommen, aber sie kommen nicht. Wünschen sie sich vielleicht doch was anderes zum trinken? Ärgerlich, dass wir nicht mehrere Sprachen sprechen.


Zu Gast kommen an diesem Tag Amadeus, Kevin und Simon von der Bürogemeinschaft gegenüber. Als wir von einer Tour am Gelände zurückkommen, sitzen sie vor dem Hof mit einer Wasserpfeife und wir finden, dass Tee und Wasserpfeife ganz gut zusammen passen. Wir, Jan und Marianne, kennen München noch nicht so richtig, denn wir sind kurz vor dem Lockdown von Berlin hierher gezogen. Das Gelände ist fast das München, dass wir kennen, aber die drei erklären, dass es für München wirklich untypisch ist, und dass es generell wenig Freiräume für Subkulturen gibt. Na, haben wir schnell einen guten Platz in der Stadt gefunden.


Am Ende des fünften Tages kommt Erwin, wohl unser Ehrengast an diesem Tag, denn er weiß viel über die Geschichte des Geländes, und dann kann er uns auch noch mit einem Projekt helfen: Wir wollen unser Leucht-T auf dem Dach des Wohnwagens befestigen, nur sind wir nicht sehr handwerklich begabt, und Erwin ist, außer Kirchenenrestaurateur, auch „Leuchtschildtechniker“ gewesen. Wir probieren eine überliegende Position und die mögliche Konstruktion zu finden. Dazu erzählt er uns noch ziemlich genau, wie so ein Virus, also Corona, entsteht. Wegen der Konstruktion empfiehlt er uns doch zum Munich Makers Lab zu gehen, gleich gegenüber, sie können uns noch besser helfen. Bevor Erwin geht, schenkt er uns Spargel. Bisher gab es noch kein Gast, den wir nicht gerne wieder sehen möchten.

Am Tag sechs sind wir beide ziemlich müde. Bevor wir zum „Tee am Tank“ kamen, trafen wir uns mit einer Bekannten, eine schlechte Vorbereitung, denn das Kontingent zum Reden war nun wie ausgeschöpft. Wir machen eine Notiz und setzen uns deswegen andere Tagesziele; wir wollen das Schild endlich mit Türkisch ergänzen, und wir wollen die Leute am Makers Lab sprechen. Also nehmen wir das Schild mit in Richtung Dachauer Straße und treffen gleich einen jungen Mann. Sofort kommen zwei dazu und wir erfahren nun mehr generelles über die Bewohner*innen der Unterkunft, nämlich dass die meisten Eziden sind. Kayser, George und F – dessen Namen wir uns noch nicht merken konnte, und wir entschuldigen auch die unkorrekte Schreibweise der anderen Namen, sind Eziden aus dem irakischen Kurdistan, und da Kayser sowohl Kurdisch, Türkisch und Arbisch kann, bekommen wir unseren Leitsatz auf Türkisch und Kurdisch. Zusätzlich kann er dann noch Deutsch und etwas Englisch. Verrückt oder? Vier, fünf Sprachen, und trotzdem werden diesen jungen Menschen nicht als Genies angesehen. Wir erwähnen, dass wir uns an die Entführung der Ezidischen Mädchen und Frauen erinnern und erzählen, dass wir eine kurdische Autorin kennen, die ihr letztes Roman darüber schrieb, und dass wir sehr hoffen, dass dieses Buch bald ins Deutsche oder Englische übersetzt wird. Ja, sagt Kayser, es ist wichtig, dass ihr darüber erfährt, damit ihr versteht, warum wir hier sind.

Wir gehen zurück zum Wagen, nehmen uns das Leucht-T unter den Arm und gehen zum Munich Makers Lab. Hier treffen wir Andreas und Aaron. Andreas nimmt sich unser gleich an und berät uns mit corona-korrektem Abstand im Hof. Er weiß, wie wir das machen können, aber, er würde noch eine Nacht darüber schlafen, vielleicht fällt ihm da noch was besseres ein. Das ist doch total toll! Danke Andreas! Und auch toll ist, dass er mit auf einen Tee rüber kommt. Hier erzählt er uns die Geschichte von der Lederhose der Bayern, kennt die wohl jede und jeder aus Bayern? Wichtig ist jedenfalls, warum uns Andreas die Geschichte erzählt. Für ihn zeigt sie, dass nichts ursprünglich ist, dass das womit wir uns identifizieren von anderen Ländern, Gebräuche und Moden kommen, dass es dumm ist, den einen als besser als den anderen darzustellen, nur weil er aus einem bestimmten Ort kommt. Und auch das nehmen wir mit auf den  Weg nach Hause.

Aber bevor wir loskommen treffen wir Haifa und Malyn (bitte entschuldigt wieder die unkorrekten Namen) vor dem Tor, zwei ezidische Frauen. Malyn wohnt schon drei Jahre in der Unterkunft, Haifa neun Monate. „Das ist zu lang“ sagen wir, und ja, da könnten sie nur zustimmen.


Organisation + Umsetzung: Marianne Klausen, Jan Klein // Mit freundlicher Unterstützung des BA Nymphenburg-Neuhausen // In Kooperation mit PATHOS München